Startseite
Ehrentafel
Eine russische Position
Kapitel 22
F.Brandner schreibt
Upra-Kinder
Upra-Mütter
Upra-Gruppe
Upratreffen 2012
In Memoriam H.Banas
H. Belitz erinnert sich
Neue Uprabilder
Literatur
Die "152"
Interessante Links
Kontakt
Gästebuch
Einträge alt
Multimedia


Im Sommer 2010 veröffentlichte die Filiale Samara des „Russischen Staatlichen Archivs für wissenschaftlich-technische Dokumentationen“ einen Sammelband mit Dokumenten über die Verschleppung, die Tätigkeit und das Leben der deutschen Triebwerkspezialisten in Upra.
Hier das Vorwort zu diesem Band:

„Zum Beitrag der deutschen Spezialisten bei der Entwicklung der sowjetischen Raketen und Flugzeugindustrie ist eine bedeutende Anzahl von Arbeiten in unserem Lande und im Ausland erschienen, die im wesentlichen die wissenschaftlich-wirtschaftliche Seite der Tätigkeit der deutschen Wissenschaftler, Ingenieure und anderer Kategorien von Arbeitern darlegten, die sich in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg in  der UdSSR aufhielten. 

Die Geschichte der Tätigkeit der deutschen Spezialisten in den sowjetischen Betrieben war lange Zeit geheim gehalten worden. Das hing damit zusammen, dass der  Großteil der Informationen, die sich auf die Funktion des technischen Verteidigungskomplexes und der der bewaffneten Kräfte der UdSSR bezog, traditionell zur Kategorie „geheim“ gehörte. Es    erschienen hauptsächlich  allgemeine Forschungsarbeiten zur Geschichte des Rückraumes im Großen Vaterländischen Krieg, wohingegen Informationen über die Entwicklung der Rüstungsindustrie nach dem Kriege weiterhin in abgeschlossenen Fonds der Archive verblieben. Einige wenige der veröffentlichten Arbeiten enthielten kaum konkrete Fakten. Forscher, die sich diesem Thema zugewandt hatten, stießen auf das Problem der Begrenztheit historischer Quellen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt vollzieht sich im wesentlichen ein Prozess der Anhäufung von Wissen zum Thema, seiner Verallgemeinerung und der Analyse der aufgefundenen Informationen. Der vorliegende Sammelband ist berufen, die informatorischen Unzulänglichkeiten zu bereinigen und die Grundlage der Quellen zu erweitern.
Das Erscheinen deutscher Spezialisten 1946 in der UdSSR war mit einer Reihe von Umständen verbunden gewesen. In Übereinstimmung mit den Beschlüssen der Potsdamer- und der Krimkonferenz wurde mit Bezug auf die Gestaltung der Nachkriegssituation in Deutschland die vollständige militärische und wirtschaftliche Abrüstung und Demilitarisierung des Landes sowie die Befriedigung der Reparationsbedürfnisse der  Länder festgelegt, die durch die deutsche Aggression gelitten hatten. Diese sahen vor: Beschlagnahme von technischen Einrichtungen, von Werkbänken, Schiffen, beweglichen Inventars u.a. Nach Beendigung des Krieges mit dem faschistischen  Deutschland wurde auf der Potsdamer Konferenz von den Alliierten eine Reihe von Beschlüssen gefasst, die auf die Errichtung eines Besatzungsregimes, auf die Demilitarisierung der Wirtschaft, die Errichtung eines Kontrollorgans der verbündeten Mächte, die Zahlung von Reparationen und die Demontage von Betrieben gerichtet waren.
Im Juli 1945 war beschlossen worden, dass jede Besatzungsmacht die Reparationen aus ihrer Besatzungszone zu holen hatte, wobei die UdSSR noch 25% aus den  Zonen der anderen Besatzungsmächte beanspruchen durfte. Faktisch war also die Rede von einem Programm der „militärisch-wirtschaftlichen Abrüstung“ Deutschlands. Wie das Studium der Dokumente zeigt, stellte sich die Frage des geistigen Eigentums Deutschlands nicht.
Im Ergebnis der deutschen Niederlage konnten also die Besatzungsmächte, darunter die UdSSR, über das wisschenschaftlich-technische Erbe Deutschlands verfügen. Jeder der Mächte führte das nach ihren eigenen spezifischen Besonderheiten durch (Abtransport der Spezialisten mit ihren Familien, Nutzung der technischen Einrichtungen usw.). Die Entwicklung des Verteidigungskomplexes der UdSSR und die schnelle Errichtung des Industriepotenzials des Landes bestimmte die Bedeutung der Nutzung der wissenschaftlich-technischen Errungenschaften Deutschlands. 
Auf vielen Gebieten, so in der Waffenproduktion und Technik, einschließlich der Triebwerkstechnik für die Luftfahrt und von Lenkraketen, hatte Deutschland die führende Position in der Welt inne. Über die Existenz neuer Waffensysteme und –technik erfuhr man aus den Erfahrungen des Krieges und aus Berichten von Aufklärern. 
Am 25. Februar 1945 war auf Beschluss des Verteidigungsministeriums eine Spezialkommission unter Leitung von G.M.Malenkow gebildet worden, um den Abtransport von Industrieeinrichtungen, Transportmitteln, von Rohstoffen und fertigen Waren aus den Gebieten Deutschlands und Polens zu organisieren. Dazu gehörten die Suche und die Erfassung neuester Technologien. Gleichzeitig untersuchten qualifizierte Ingenieure und Techniker das Hinterland der Roten Armee in Deutschland, Ungarn und Rumänien. Sie sollten für die Demontage des wissenschaftlich-technischen Materials und Ausrüstungen sorgen und es in die UdSSR verbringen.
Ende Juni-Anfang Juli 1945 waren die Demarkationslinien gemäß der Krimkonferenz  verändert worden. In der sowjetischen Zone befanden sich etwa 600 deutsche Betriebe und ihre Filialen, die mit der Produktion von Flugzeugen, Flugmotoren, Fluggerätschaften und Einzelteilen beschäftigt waren. Von diesen Betrieben gehörten 213 zu den führenden des Landes. Aus folgenden Unternehmen wurde faktisch dass gesamte Inventar abtransportiert: Junkers in Dessau, Siebel in Halle, Heinkel in Rostock-Warnemünde und Oranienburg, Messerschmitt in Wiener-Neustadt, Avado in Babelsberg, Henschel in Frankfurt und Dornier in Wismar. Darunter fiel auch die größte hydraulische Presse der Welt in Bitterfeld, die Teile der JU 88 herstellte. Es wurden das gesamte Instrumentarium, alle Modelle und alle Zeichnungen abtransportiert.
Die Kräfte der wissenschaftliche Forschung und der Konstruktion der deutschen Luftfahrtwissenschaft und –technik konzentrierten sich in der sowjetischen Besatzungszone im wesentlichem in folgenden Städten: In Berlin: das wissenschaftliche Forschungsinstitut für Luftfahrt DVL und das Landesinstitut für Materialforschung sowie das Forschungswerk BMW. In Dessau: Das Versuchszentrum der Firma Junkers für Flugzeuge, Motoren, Propeller  und Apparaturen für die direkte Einspritzung. In Halle: das Forschungsinstitut des Flugzeugwerkes Siebel. In Leipzig: das Institut der Universität, das Werk Langbein-Pofanhauser und das Werk Süd I.G. Farbenindustrie. In Unseburg bei Staßfurt – das Forschungsinstitut für reaktive Triebwerke der Firma BMW (das vorher in Berlin-Spandau ansässig war). In Rostock – Das Forschungszentrum der Firma Heinkel.
Die grundsätzliche Arbeiten zur Erforschung und Nutzung der deutschen wissenschaftlich-technischen Errungenschaften oblag in der sowjetischen Zone Deutschlands den Sonderabteilungen der Sowjetischen Militäradministration. In der ersten Periode der Besetzung der Zone, die der Untersuchung des Zustandes der deutschen Luftfahrtwissenschaft und –technik galt, wurden sowjetische Spezialisten hinzugezogen, die in Gruppen arbeiteten. In der 2. Hälfte des Jahres 1945 wurden auf der Grundlage der vorhandenen deutschen wissenschaftlichen Zentren besondere experimentelle Konstruktionsbüros  für die Ausarbeitung von wissenschaftlichen Forschungsthemen mit Hilfe deutscher Spezialisten geschaffen. Für die Arbeit in diesen Büros wurden in ersten Linie die deutschen Spezialisten hinzugezogen, die ständige Mitarbeiter in diesen Zentren während des Krieges waren.

Die deutschen Spezialisten  und Arbeiter arbeiteten unter der  Leitung und aktiven Mitwirkung von sowjetischen Spezialisten. Diese übten nicht nur Kontrollfunktionen aus, sondern versuchten, sich in die Forschungsarbeiten so tief einzuarbeiten, um im gegebenen Moment die Arbeiten wegen ihrer Perspektivlosigkeit entsprechend des vorhandenen Standes der Wissenschaft, der Technik und der Technologie beenden zu können. Wenn auch bei der Leitung der sowjetischen Luftfahrtindustrie Zweifel am Nutzen der Kopierung deutscher Flugzeuge vorhanden war, so war die Entscheidung über die Fortführung der Arbeiten zur Produktion  reaktiver Triebwerke praktisch vorbehaltlos getroffen worden.
Im Prozess der Arbeiten wurden von den sowjetischen Spezialisten eine bedeutende Anzahl sehr wertvoller technischer Dokumentationen aus allen Gebieten der Wissenschaft und Technik der Luftfahrt vorgefunden (Aerodynamik, Materialfestigkeit, Flugzeugbau, Motorenbau, Gerätebau und Materialbeschaffenheit) die zum weiteren Studium dem Ministerium für Luftindustrie übermittelt wurden.
Der Gedanke der Nutzung deutscher Spezialisten für die Entwicklung der Triebwerktechnik auf dem Territorium der UdSSR kam schon im Sommer 1945 auf. Am 27. Juni d.J. wandte sich der Minister für Luftschifffahrt, A.I.Schachurin, mit einem Brief an das ZK der KPdSU, in dem er die Zweckmäßigkeit der Nutzung der deutschen Spezialisten auf dem Territorium der UdSSR oder in der sowjetischen Zone in speziellen Organisationsformen unter einem Sonderregime begründete, wo „deutsche Wissenschaftler die wissenschaftliche Arbeit nach unseren Vorgaben“ ausführten.

Das entscheidende Ereignis stellten der Beschluss des Ministerrates der UdSSR vom 17.April 1946 und der Befehl Nr. 228 vom 19.April des Ministers für Luftfahrtindustrie M.W. Chrunitschew zur Nutzung der deutschen Triebwerktechnik und der deutschen Spezialisten dar. Das Dokument bestimmte nicht nur die Perspektiven für die Ausarbeitung und Beherrschung der reaktiven Technik, sondern enthielt auch Angaben zur Beschaffung der Ausrüstung; ein Plan zur Überführung der deutschen Spezialisten aus Deutschland in die UdSSR, den Ort ihrer Tätigkeit, die Zahl der Personen (1400 Ingenieure und Arbeiter, mit ihren Familien bis 3500 Personen), die Zeit und die Art ihrer Überführung. Entsprechend dieses Befehls wurde  das Werk Nr. 458 (Moskauer Meer) umbenannt in Werk Nr. 1 für die Schaffung und die Produktion von experimentellen Flugzeugen mit Triebwerktechnik und das Werk 145 namens Kirow, gelegen in Kuibischew – Versuchswerk Nr. 2 zur Schaffung und Produktion von Versuchstriebwerken. Zum Direktor des Werkes Nr. 2 wurde der Ingenieur-Hauptmann N.M.Olechnowitsch ernannt, der bereits über große Erfahrungen in der Arbeit mit deutschen Spezialisten in der sowjetischen Zone besaß.
Der Entscheidung über die Überführung der Arbeiten zur Schaffung reaktiver Technik in die UdSSR lagen Gründe politischer und rechtlicher Natur zu Grunde. Auf der Krimkonferenz war beschlossen worden, „die gesamte deutsche Kriegstechnik zu beseitigen und zu vernichten, die gesamte deutsche Industrie unter Kontrolle zu nehmen oder zu vernichten, wenn sie für die Waffenproduktion geeignet sein könnte.“ Am 29.April 1946 nahm der Alliierte Kontrollrat – das höchste Organ der Alliierten für die Zeit der Besatzung Deutschlands, das Gesetze, Befehle und Direktiven erließ, die für ganz Deutschland gültig waren – das Gesetz Nr. 25 mit dem Titel „Über die Kontrolle der wissenschaftlichen  Forschungsarbeiten“ an. Dieses sah die Auflösung der militärischen Forschungsanstalten, das völlige Verbot von Forschungstätigkeiten mit militärischem Charakter sowie die Kontrolle über die wissenschaftlichen Arbeiten in Deutschland vor, die von den in den jeweiligen Zonen von der jeweiligen Besatzungsmacht erlaubt wurden. Die Notwendigkeit, diese Vereinbarung zu befolgen, erforderte die Sicherstellung der Geheimhaltung der Arbeiten zu militärluftfahrttechnischen Themen, was sich auf dem Gebiet Deutschlands außerordentlich schwer machen ließ. Die Überführung der geschlossenen wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen in die Tiefe der Gebiete der UdSSR erlaubte es, die Erklärungen der westlichen Verbündeten zu neutralisieren, dass die sowjetische Seite die internationalen Vereinbarungen zu Deutschland verletze.
Die Vorbereitung zum Transfer der deutschen Spezialisten in die UdSSR dauerte ein halbes Jahr. Ab Sommer 1946 wurden Listen mit den Namen der für die Überführung vorgesehenen Experten angefertigt und sie zur Überprüfung dem Ministerium der Staatssicherheit übermittelt. Es stellte sich heraus, dass sich unter den Spezialisten ein bedeutender Anteil (bis zu einem Drittel des Bestandes) ehemalige Mitglieder der NSDAP befanden. Das bedeutete, dass die Nazis eine wichtige Schicht unter den in die UdSSR eingereisten Leuten waren. So befanden sich unter den 1950 im Werk 2 tätigen 755 deutschen Spezialisten 183 ehemalige Mitglieder der NSDAP.
Der Befehl zur Übersiedelung trug den Status „streng vertraulich“, weshalb bis August 1946 praktisch niemand von den deutschen Spezialisten von der bevorstehenden Aktion etwas ahnte. Interessant war, dass zuvor einige deutsche Spezialisten selbst mit der Initiative auftraten, kurzfristige Fahrten in die UdSSR zur Durchführung von Forschungsarbeiten durchzuführen. Jedoch von einer Überfahrt  auf unbestimmte Zeit und zu unbestimmten Bedingungen in ein Land, mit dem man vor kurzem noch im Kriege war und dazu für die Ausführung von Arbeiten zu geheimen Verteidigungsthemen – davon war niemals die Rede gewesen.
Der Stellv. Minister für Luftfahrtindustrie, M.M. Lukin, berichtete im August 1946, dass den deutschen Spezialisten folgende Fragen bewegten:
a)      für welchen Zeitraum werden sie in die UdSSR überführt? Wird das mit einem Vertrag    geregelt werden?
b)      Welche Wohn- und Lebensbedingungen werde man ihnen zur Verfügung stellen?
c)      Die Bezahlung und Entlohnung der Spezialisten.
d)      Wird man gleichzeitig finanzielle und materielle Unterstützung für sie gewähren?
e)      Wird durch die Anreise im tiefen Herbst die Versorgung mit Heizmaterial, Kartoffeln und Gemüse gesichert sein?
f)        Wird ihnen in der UdSSR eine Reparationssteuer wie in Deutschland auferlegt werden?
g)      Werden für die Deutschen alle Rechte wie für die sowjetischen Bürger gelten (Sozialversicherung, kostenlose medizinische Versorgung, Nutzung von Kuren, Krankenhäusern und Sanatorien)?
h)      Wird den Mitgliedern der Familien erlaubt werden, in dem gleichen Werk zu arbeiten, in dem das Familienoberhaupt tätig ist, oder werden sie auf andere Betriebe und Einrichtungen orientiert?
i)        Wird der Bezug von periodischer Literatur aus Deutschland möglich sein (Zeitungen, Magazine usw.)?
j)        Werden den Spezialisten und ihre Familienmitgliedern Möglichkeiten zu Reisen auf dem Gebiet der UdSSR eingeräumt?
k)      Können die Spezialisten und ihre Familienangehörige die sowjetische Staatsangehörigkeit erwerben?
 l)        Werden die deutschen Kinder eine Schule besuchen können?
m)    Werden die Spezialisten das Recht haben, im Urlaub mit ihren Familien oder nur die Familien in die Heimat zu reisen?
n)      Wenn ein Spezialist allein in die UdSSR reisen wird, wie wir seine Familie in der Heimat gesichert sein?
o)      Wenn ein Spezialist für eine bestimmte Zeit in die UdSSR reist, wird dann sein Haus, sein Gut und Eigentum erhalten bleiben?
p)      Wie wird die Rückreise nach dem Auslaufen des Arbeitsvertrages stattfinden?

Darüber, wie die Überführung der Deutschen erfolgte, liegen Erinnerungen von Zeitgenossen vor. Prof. Heinz Hartlepp erinnert sich: „Am Abend des 21. Oktober machte  ich mit meiner Frau einen langen Spaziergang entlang der  Bode. Wir hatten keine Ahnung von dem, was kommen wird....Am 22.Oktober 1946 begann die gewaltsame Überführung der ausgewählten Spezialisten“.
Aus den Erinnerungen des Stellv. Chefkonstrukteurs des Werkes Nr. 2, E.M. Semjonow :
„An einem Oktobertag des Jahres 1946 fuhren früh um 5 Uhr Lastkraftwagen mit  Maschinenpistolenschützen und  unseren Fachleuten zu den Häusern der Deutschen, die dort klingelten, sich vorstellten und das Ziel der Evakuierung erläuterten, wobei sie die Sicherung des Lebens, die Bereitstellung von Wohnraum und Arbeit entsprechend der Spezialisierung des Betreffenden garantierten. Die Soldaten halfen, die Sachen aufzuladen. Es wurden keinerlei Dokumente ausgefüllt. Die Lastwagen fuhren zu einem Massentransportzug, der hinter der Zuckerfabrik der Stadt Dessau stand. In dem Personenzug wurden die Menschen verteilt, die Sachen kamen in Güterwaggons.
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es im Nachkriegsdeutschland schwer war, eine Arbeit entsprechend der eigenen Qualifikation zu finden und die Situation, an Lebensmittel zu gelangen sich schwierig gestaltete, suchten viele Deutsche zum Zwecke des Überlebens angenehmere Lebensbedingungen. Der zeitweilige Transfer in die UdSSR betrachteten viele als eine Chance zum Überleben. Kurt Pflügel erinnert sich: „Am 22.Okotber 1946 wurde zum schwarzen Tag für viele Bewohner der „Ostzone“. Die gut organisierte und völlig unerwartete Überführung einer großen Zahl deutscher Familien mit ihrem Hausrat, das sie in bereit gestellte Militärlastwagen laden konnten, betraf nicht nur eine große Zahl von Arbeitern und Ingenieuren der Firma Junkers in Dessau...Militärs kamen entsprechend ihrer Listen in die Wohnungen und forderten, sich auf einen sofortigen Transfer in die SU vorzubereiten. Niemand verlangte eine Zustimmung, Widerstand war sinnlos...Das war ein vorbereiteter Schlag gegen die Industrie der Ostzone, für die intellektuelle Reparation...Die Überführung am 22.10.46 in die SU war erzwungen und eine Freiheitsberaubung. Aber unter der Führung von Russen unter relativ menschlichen Bedingungen zu arbeiten, die Möglichkeit, für Lohn zu arbeiten sowie die Aussichtslosigkeit, an anderer Stelle in der Ostzone eine Arbeit zu finden, führten dazu, das anfangs dieser Zwang nicht so empfunden wurde und viele von uns begannen diese  Reise mit Neugier und Hoffnung auf das Paradies der Sowjetunion.“
Weiter bemerkte der Autor: “Auf der langen Fahrt von Dessau an die Wolga fanden viele heiße Debatten darüber statt, was man in der SU zu erwarten habe Die Optimisten errangen die Oberhand. Haben wir denn schlecht unter dem russischen Kommando in Dessau gelebt? Wie groß war danach die Enttäuschung“.
Im Werk Nr. 2 trafen die deutschen Triebwerkspezialisten der Firmen Junkers, BMW und Askanija am 31.Oktober bis 1. November 1946 ein. Sie unterschieden sich nach Alter, aber auch nach der  Qualifikation. Nach unserer Kenntnis war zu diesem Zeitpunkt der Schmelzer Richard Schröck (1881-Jahrgang) und der Forscher für Flugmotor-Materialien Hans Steudel (1883) die Ältesten. Die Jüngsten  nach dem Geburtsjahr 1926 – der Klempner Heinz Müller und der Schweißer Walter Fritsche. Am 1. Januar 1947 arbeiteten im Werk 621 deutsche Spezialisten, darunter 453 ingenieurtechnische Mitarbeiter und 168 Arbeiter. Viele Speziallisten kamen mit Familien. Die Frauen vieler Spezialisten wurden in das Werk für verschiedene Hilfs- und Nebenarbeiten aufgenommen. Für die Kinder wurde eine Schule organisiert, in der der Direktor und die Mitglieder des leitenden Lehrkörper sowjetische Mitarbeiter und die übrigen Pädagogen –  deutsche Spezialisten und ihre Frauen waren.
In der Struktur des Werkes waren 4 Spezialabteilungen (OBK) geschaffen worden, deren Tätigkeit auf die Fortsetzung der Arbeiten ausgerichtet wurde, die noch in Deutschland begonnen worden war: Die erste OBK war für Gasturbinen des Typs „Junkers“ (Chefkonstrukteur Dr. A. Scheibe) mit einer Mitarbeiterzahl von 127 Leuten, darunter 100 Deutschen verantwortlich, das OBK 2  für Gasturbinen des Typs „BMW“ (Chefkonstrukteur Ingenieur K. Prestel) mit 127 Mitarbeitern, darunter 93 Deutschen und das 3. OBK für Geräte und Anlagen zur automatischen Flugsteuerung (Chekonstrukteur P.Lertes) mit 137 Mitarbeitern, darunter 68 Deutsche. Das 4. OBK war ein Laboratorium für Messgeräte (Chefkonstrukteur Dipl. Ing. M. Müller mit einer Zahl von 68 Mitarbeitern, darunter  31 deutschen Arbeitern). Unter den führenden Triebwerkspezialisten muss man neben Scheibe und Prestel die Doktoren P.Scheinost, G.Cordes und J.Vogts nennen. Zu ihnen gesellte sich Anfang Januar 1948 der Dipl.Ing. F.Brandtner, ehemals technischer Direktor der Triebwerkfabrik Junkers in Dessau.
Angesichts der Existenz von 2 OBK für den Motorenbau verschiedener deutscher Firmen wurde entschieden, in allen Zechen 2 Parallelproduktionen zu führen. Die eine Produktionseinheit mit den Speziallisten der ehemaligen Firma Junkers sollte sich mit der Herstellung von Teilen, Verbindungsstücken und dem Zusammenbau der Motoren beschäftigen, die im OKK 1 projektiert wurden, wohingegen die Aufgabe der 2. Einheit mit den Spezialisten der ehemaligen Firma BMW die Herstellung der Triebwerke war, die von der OBK 2 projektiert worden waren.
Die operative Leitung der Produktion vollzog sich in Planungsgruppen unabhängig von der Produktion der Triebwerke, die in den beiden OBK projektiert wurden. Diese Planungsgruppen wurden durch Stellvertreter des Chefingenieurs des Werkes geleitet- den deutschen Spezialisten – die diese Arbeiten bereits im Werk in Deutschland durchgeführt hatten. Zu Leitern der Mechanischen Abteilungen wurden die deutschen Spezialisten berufen, zu ihren Stellvertretern – sowjetischen Mitarbeiter. Im Instrumentenbau und in der Kupfer-Zink-Gießerei waren die Leiter sowjetischen Mitarbeiter, und die Stellvertreter für die beiden OBK – deutsche Spezialisten.
Die OBK arbeiteten ziemlich isoliert voneinander, wobei in nicht genügenden Maße das Konkurrenzdenken genutzt wurde, das sich zwischen den beiden Firmen bereits in den 30er, Anfang der  40er Jahre in Deutschland heraus gebildet hatte. Es entstand ein Parallelismus mit all seinen bürokratischen Komponenten. Der Liquidierung dieser Erscheinung war eines der Gründe für die Vereinigung der OBK 1 und 2 unter Leitung von A. Scheibe.
Zudem tauchten Sprachschwierigkeiten zwischen den sowjetischen und deutschen Spezialisten auf. Für ihre Überwindung wurden ab Juli 1947 Deutschkurse für sowjetische Mitarbeiter geschaffen, danach Spezialgruppen für Russisch für die Deutschen gebildet.
Ursprünglich war angenommen worden, dass die deutschen Spezialisten die Arbeiten weiter führen, die sie in Deutschland begonnen hatten – die forcierte Produktion der Modelle der deutschen Serientriebwerke Jumo 004 und BMW 003 sowie der neuen, mächtigen Triebwerke Jumo 012, BMW 018...
Am 11. März 1947 wurde mit Beschluss des Ministerrates der UdSSR zum Triebwerksversuchsbau dem Werk 2 folgende Aufgabe gestellt: für die OBK 1: die Projektierung und Produktion des Triebwerkes 002 mit einer Mächtigkeit von 5000 PS...für OBK 2 – die Schaffung der Turbine 028 mit einer Mächtigkeit von 6800 PS...
Die in dem Dokumentenband vereinigten Materialien machen deutlich, wie die Arbeit zur Erfüllung dieser Aufgabe vonstatten ging. Man kann  kaum mit der kategorischen Meinung der Autoren des Buches „Deutsche Flugzeugspezialisten in der UdSSR“ einverstanden sein, die behaupten, dass das staatliche Programm zur Übernahme der Erfahrungen der deutschen Spezialisten keine reellen Ergebnisse erbracht hätte.
Über den Beitrag der deutschen Speziallisten zum Vaterländischen Flugzeugbau mögen besser die Zeitgenossen berichten, insbesondere der verantwortliche Leiter und Chefkonstrukteur des Werkes Nr. 2  N.D.Kusnetzow (ab 1949). Im Dezember 1950 schlug er vor, in die Liste der Kandidaten für die Stalinsche Prämie für die Schaffung des Turbinentriebwerkes TW-022 die ausländischen Spezialisten Ferdinand Brandtner und Karl Prestel aufzunehmen. Man kann also feststellen, dass in den ersten Naschkriegsjahren die deutschen Erfahrungen in gewisser Weise als Katalysator der Beschleunigung bei der Meisterung der reaktiven Technik in unserem Lande wirkte. Es ist eine andere Sache, das außer der Nutzung der deutschen Erfahrungen keine andere Aufgabe gestellt worden war. 

Eine große Bedeutung bei der Erfüllung des staatlichen Programms stellte die Lieferung der deutschen Beuteausrüstungen dar. Die Ausfuhr des Materials aus Deutschland trug Planungscharakter. Die Liste der Maschinen, Geräte, Prüfstände, technologischer Ausrüstungen usw. wurde sorgfältig abgearbeitet. Im Jahre 1947 trafen aus Deutschland 2184 Einheiten der Ausrüstung ein, wovon 1739 Einheiten an das Werk Nr. 2 ging. Die übrigen Einheiten wurden auf andere Werke des Ministeriums für Luftfahrtindustrie verteilt.
Die  industrielle Basis des Werkes wurde wesentlich durch diese Ausrüstungen aufgebessert, da sie die Herstellung von Maschinenteilen und –verbindungen mit einer größeren Genauigkeit erlaubten. Außerdem lagerten wegen des Fehlens von Lagerkapazitäten nicht fertig gestellte Produktionseinheiten aus Deutschland für lange Zeit auf dem Werkshof unter freiem Himmel. Erst nach dem Bau zusätzlicher Gebäude mit Lagerkapazitäten konnten diese Ausrüstungen neu sortiert werden.
Ein ernsthaftes Problem stellte in jener Zeit die geringe Zahl hoch qualifizierter Arbeiter dar, weshalb viele Probleme unter Hinzuziehung deutscher Arbeiter gelöst werden mussten. Indem sie mit ihnen zusammen arbeiteten, durchliefen die Arbeiter des Werkes eine gute Berufsschule.
Vieles schöpften auch die sowjetischen igenieur-technischen Mitarbeiter. Von den deutschen Spezialisten übernahmen sie die fortschrittlichsten Errungenschaften der Wissenschaft und der Technik jener Jahre auf dem Gebiet des Triebwerksbaus; das Prinzip der beherrschenden und dominierenden Rolle der OBK bei der experimentellen Produktion, wenn der  Konstrukteur für alles verantwortlich ist; für die Qualitätskontrolle von der Zeichnung bis zur Versuchsanordnung und Erprobung; die Begleitung des Autors und Konstrukteurs bis in die Produktion; Kompetenz bei der Entscheidung in Verwaltungs- und Technikfragen; Ständige Durchführung operativer Beratungen und sorgfältige Kontrolle über die Erfüllung ihrer Entscheidungen; sorgfältige Gestaltung der direkten und gegenläufigen Verbindung mit der Produktion; sorgfältige, bis zur Kleinigkeit durchdachte Ausführung der Dokumente. Das alles ging, wie das Studium der Dokumente belegen, in das System der Arbeit der Konstruktions- und Produktionskollektive des Werkes ein.
Die deutschen Spezialisten arbeiteten unterschiedlich. Der Doktor der techn. Wissenschaften W.N.Orlow erinnerte sich, dass sich „die Deutschen durch Akkuratesse und Pünktlichkeit auszeichneten. Der Deutsche kam auf Arbeit, öffnete sein Arbeitsheft und schrieb das Datum und die Tagesaufgaben hinein. Wenn jemand mit einer Frage zu ihm kam oder um dieses oder jenes zu erörtern, dann schrieb der deutsche Spezialist danach auf: es war der und der da, es wurde das und das besprochen und das und das entschieden. Nach Beratungen der Abteilungen oder bei der Leitung wurde ebenfalls notiert, was besprochen und was entschieden worden war. Leider eigneten sich diese Praxis in den sowjetischen Kollektiven nur Wenige an. ..Die deutschen Spezialisten arbeiteten ohne Hast, kontrollierten jedoch außerordentlich sorgfältig Zeichnungen und Projekte, wobei sie Unklarheiten oder missverständliche Auslegungen ausräumten. Unsere Voranstürmer verstanden das nicht, ordneten sich aber unter, wenn von der Leitung eine entsprechende Anweisung vorlag“. Nach der Bezeugung von Orlow pflegten die Deutschen eine „hohe Kultur schriftlicher Rechenschaftsberichte zu den erledigten konstruktiven, rechnerischen und experimentellen Tätigkeiten. Mancher dieser Rechenschaftsberichte stellte praktisch eine fertige Doktorarbeitet dar. Die Deutschen bewiesen große Unentbehrlichkeit und großen Nutzen bei der Aufstellung sorgfältig durchdachter Pläne  in der experimentellen Arbeit bei Teilen der Motoren und der Motoren als Ganzes....Eine besondere Aufmerksamkeit richteten sie auf gut durchdachte Messsysteme während der Durchführung von Erprobungsarbeiten und bei der Vorbereitung notwendiger Messapparaturen“. Eine Neuheit für die sowjetischen Mitarbeiter stellte die Anwendung der deutschen elektrischen Rechenmaschinen dar.
Ein Teil der deutschen Spezialisten  schlossen sich Wettbewerben an und übernahmen überhöhte Verpflichtungen zu verschiedenen Anlässen. Die Analyse der Erfüllung dieser Arbeitsverpflichtungen zeigt auf, das z.B. im November 1949 der Ingenieur Gronau vorfristig die Konstruktion von Geräten abschloss, der Fräser Vinzent Haida seinen Plan mit 263% und der Schlosser Leopold Abraham mit 240% erfüllten. Solche Beispiele waren nicht selten. 1949-1950 beschlossen 43 deutsche Arbeiter die verantwortungsvolle Sicherung des Maschinenparks, 75 Arbeiter beteiligten sich an der Vermittlung von Erfahrungen an junge sowjetische Arbeiter, die ihre Arbeit erst kürzlich im Werk aufgenommen hatten.
Aber es gab auch Beispiele anderer Art. Unter den Deutschen gab es nicht wenig Verletzungen der Arbeitsdisziplin. Auf einer Versammlung des Parteikollektives des Werkes im Februar 1948 wurde festgestellt, dass die deutschen Spezialisten um 8 Uhr auf Arbeit kommen. „Aber was sieht man da?“ fragte der Redner. Und antwortete: „Man sieht, dass die  Klingel geläutet hat, also geht es an die Arbeit, aber die Deutschen fangen erst einmal an sich auszuziehen. Danach versammeln sie sich in Gruppen und führen Gespräche, und wer daran nicht teilnimmt, raucht nach einem 15minütigem Marsch von zu Hauses zur Arbeit genussvoll eine Zigarette. Das bedeutet, es vergeht eine halbe Stunde, bevor man mit der Arbeit anfängt. Außerdem beginnen die Deutschen, so es 10 schlägt, mit der Zubereitung von Kaffee, Tee oder Kakao und nehmen ein Frühstück ein. Hier wird ebenfalls Zeit von mindestens einer halben Stunde vertrödelt.“
Zwecks Kontrolle der Lebensgewohnheiten der Deutschen wurde eine spezielle Kommandantur errichtet, es wurde ein Sonderregime eingeführt, was eine wöchentliche Übersicht über die Anwesenheit des Kontingents bedeutete, um Fluchtversuchen vorzubeugen. Alle Spezialisten wurden in Listen mit Nummern geführt, und jedes Mal, wenn einer nicht zur Arbeit erschien, erfolgte eine Meldung an die Leitung des Werkes. Die Bewegung der Deutschen beschränkte sich auf Punkte in Uprawlentscheski und Kuibischew, zudem musste vorher die Erlaubnis für eine Fahrt in die Stadt eingeholt werden. Verletzer dieses Regimes wurden mit 3 Tagen Arrest ohne Erfüllung seiner Aufgaben und ohne Bezahlung seines Lohnes für diese Zeit bestraft.

K.Pflügel bemerkt dazu: „Da wir wussten, dass nicht nur unsere Arbeit, sondern unser gesamtes privates Leben unter Beobachtung von Leuten aus unseren eigenen Reihen stand, so erfasste uns ständig ein Gefühl der Unsicherheit und der Angst. Die Organe der Staatssicherheit zwangen mit Druck und Drohungen einzelne Personen zur Beobachtung und zur Ablieferung von Rechenschaftsberichten. Niemand wusste, wer dazu gehört und in unseren eigenen Reihen wuchs das Misstrauen.“
Das Studium der materiellen Lebensbedingungen der deutschen Speziallisten zeigt, dass ihre Lebensqualität viel höher war als die der sowjetischen. Erstens erhielt jeder Angereiste eine finanzielle Zuwendung in Höhe von 3000 bis 10000 Rubel. Zweitens erhielten sie Löhne und Gehälter zwischen 1250 bis 7000 Rubel entsprechend ihrer Qualifikation. Arbeitern niedriger Qualifikation, Angestellte und Schüler erhielten eine Vergütung entsprechend der damals gültigen Tarife.

Für die Deutschen waren garantierte Löhne in Abhängigkeit ihrer Funktion und der geleisteten Arbeit festgelegt worden. Die deutschen Arbeiter arbeiteten in der ersten Zeit zur Probe und erhielten Löhne unabhängig von der Leistung. Zwecks Erhöhung der Arbeitsproduktivität  wurde für die deutschen Arbeiter dann ein unbegrenzter Stücklohn mit Zuschlägen bis zur Höhe des garantierten Lohnes bei 100%er Erfüllung der Norm festgelegt. Dank der Erfüllung dieser Normen erhöhte sich der Lohndurchschnitt für die deutschen Arbeiter wesentlich. Im Ganzen waren die Löhne der Deutschen im Vergleich mit denen der sowjetischen Arbeiter, Ingenieure sowie der leitenden Angestellten um 1,3 bis 2 mal höher. Auf Wunsch der Deutschen konnten sie einen Teil ihre Löhne und Gehälter (bis zu 50%) in Mark ausgezahlt bekommen und nach Deutschland transferieren, allerdings nur in die sowjetischen Zone.

Die relativ hohen Gehälter erlaubten es, viele Dinge zu kaufen, die für den normalen sowjetischen Bürger unerschwinglich waren. Und auch im Vergleich mit den Bewohnern Nachkriegsdeutschlands war die Lage der deutschen Spezialisten in der UdSSR besser. Charakteristisch dafür ist das Zeugnis von Heinz Hartlepp: „Natürlich schlugen sich einige Frauen, besonders von den qualifizierten Arbeitern mit der täglichen Sorge herum, wie sie ihre Familie satt bekommen. Zu kaufen gab es genug. Deshalb wurden auch einige Möbelstücke oder auch Wäsche auf dem Markt verkauft. In Deutschland war die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sehr schlecht, viele Leute waren arbeitslos“.

Bis Oktober 1947, da in der UdSSR noch das „Kartoffelsystem“ bestand, erhielten alle Deutschen Kartoffeln. Für die erste Gruppe der Speziallisten bestanden folgende Versorgungsnormen/Monat: Brot aus Roggenmehl – 6kg, Weizenbrot der 1.Sorte – 15kg, Kartoffelmehl –300g, Grütze und Makaroni –3,3kg, Fleisch und Fisch –7,5kg, Fette –1,6kg, Kartoffeln – 12kg, Gemüse –15kg, Eier 60 Stück, Milchprodukte –1,65kg, Zucker – 1,5kg, Kaffeeersatz –90g, Trockenfrüchte –600gr, Speisesalz – 600g.

Für die 2.Gruppe wurden folgende Monatsrationen festgelegt. Roggenbrot – 105,kg, Weizenbrot 1.Qualität –10,5kr,Grütze und Makkaroni – 4,2kg, Fleisch und fett – 6kg, Fette – 1,5 kg, Zucker –750gr, Speisesalz - 600gr, Kartoffeln – 15kg, Gemüse –9,6kg, Gebäck –600gr, Fischkonserven – 1,5 kg. Nicht arbeitende Mitglieder der Familien erhielten die „Lebensmittelkarte“.

Zum Dritten versuchten die Staatsorgane und die Wirtschaftsfunktionäre das Wohnungsproblem für die Deutschen zu lösen, zumal es keine freien Wohnflächen im Dorf gab. Die Unterbringung der Deutschen geschah auf Kosten ausgelagerten Militäreinheiten, der Verwaltung, sowjetischer Dienststellen, Ortseinwohnern und durch den Bau von Finnenhäusern. Wenn auch nicht alle Fragen der Unterbringung der Deutschen bei ihrer Ankunft gelöst werden konnten und die Probleme  in der ganzen Zeit ihrer Tätigkeit weiter bestanden, so war ihre Lage im Vergleich mit der Wohnungsnot der Kuibyschewer Bevölkerung besser und komfortabler.

Heinz Hartlepp erinnert sich: „Bei der Ankunft in Uprawlentscheski stellte man uns Wohnungen zur Verfügung. Die Ingenieure wohnten in Stein- und Holzhäusern, die qualifizierten Arbeiter ebenfalls in Holzhäusern und in Finnenhäusern...Wir erhielten ein großes Zimmer mit 22qm im Steinhaus. Die Doktoren mit 2 Kindern erhielten 2 Zimmer.“

Beim Studium der Dokumente über den Aufenthalt der deutschen Spezialisten im Werk Nr. 2 vergleicht man diese unwillkürlich mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Gefangenen in den Konzentrationslagern Hitlers, die unterirdische Raketenwerke bauen mussten in Peenemünde und Nordhausen, man erinnert sich tausender vor Entbehrung und  Zwangsarbeit Gestorbener, an die nach den Bau Erschossenen zum Zwecke der Geheimhaltung der Objekte.

Die Beziehungen zwischen den deutschen und sowjetischen Mitarbeitern waren nicht  einfach. Für dieses Verhältnis waren nicht nur die Besonderheiten in der Mentalität der verschiedenen Völker verantwortlich, sondern auch die Vorstellung des einen vom anderen, wie sie sich in den Jahren des Krieges herausgebildet hatten. Die in die UdSSR angereisten Spezialisten und ihre Familie befanden sich über mehrere Jahre unter dem Einfluss der faschistischen Propaganda, einige von ihnen gingen in die NSDAP, mehr noch, die materiellen und soziale Lage für viele von ihnen war unter dem Hitlerregime ziemlich stabil und gesichert. Ein Teil der Spezialisten rühmte das faschistische Regime.

Die Aufnahme der Deutschen durch unsere Zeitgenossen  wurde im hohen Maße durch die lebendigen Eindrücke und Erinnerungen vom dem treulosen Überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR, das Bestreben zur Versklavung unseres Volkes, über die Grausamkeit und Gewalt gegenüber der Bevölkerung der  besetzten Gebiete bestimmt. Nicht wenige der Mitarbeiter des Werkes hatten selbst oder Mitglieder ihrer Familien an kriegerischen Auseinandersetzungen teilgenommen und hatten mit eigenen Augen das Tierische des Feindes erlebt. Hieraus merkt man in den Dokumenten eine Haltung zur Vorsicht in den Beziehungen  beider Seiten in der ersten Etappe. Die Beziehungen beschränkten sich in der Regel auf Arbeitskontakte /Pflügel wird zitiert. Die Grenzen des Umgang miteinander vermerkte auch W.N.Orlow: „...während der Freizeit gab es keinen Umgang mit den Deutschen, die verantwortlichen Organe empfahlen das nicht, und wir erinnerten uns der 30er Jahre und suchten keinen Kontakt zu den Deutschen. Anfangs suchten die Deutschen solchen Umgang, aber dann begriffen sie und stellten ihre Versuche ein.“
Zuweilen nahmen diese Beziehungen den Charakter offener Feindschaft an, wovon der Befehl Nr.1 des Werkdirektors vom 8.2.1947 zeugt. Egon Henze hatte versucht, während der Mittagspause vorfristig das Werk zu verlassen. Da er am Ausgang vom Wächter Chorewa festgehalten wurde, stieß er ihr gegen die Brust und versuchte einen Faustschlag anzubringen, aber die  zu Hilfe eilende Wächterin Mordwinowa hinderte ihn daran. Da der Direktor diese Handlung von Henze als Rauditum qualifizierte, befahl er, Henze für 3 Tage in Haft zu setzen und seinen Lohn für diese Zeit einzubehalten. Am 26.April 1947 schlug der Brigadier Hermann Arndt einem Schlosserlehrling mit der Faust ins Gesicht, weil dieser unberechtigterweise einen Hammer benutzt hatte.
Nicht selten gab es Konflikte auf zwischenmenschlicher Ebene in den Geschäften.

Die Wechselbeziehungen zwischen den deutschen und örtlichen Mitarbeitern erhielten zuweilen einen kriminellen Anstrich. So versuchte im Mai 1947 der deutsche Schlosser Moritz auf dem Markt in Upra seine Lebensmittelkarte zu verkaufen, wofür er den Schlosser der Zeche Nr. 3 Karpuchin gewinnen konnte. Während der Verkaufverhandlungen wurden beide von der Polizei festgenommen. Daraufhin eröffnete der Direktor des Werkes gegen beide ein Verfahren. Moritz wurde die Lebensmittelkarte für das 2. Quartal gestrichen.

Doch allmählich erhielten diese Beziehungen einen geraden Charakter. Orlow erinnert sich: „Angesichts der bei uns, den sowjetischen Ingenieuren, bestehenden Stereotypen im Denken gingen wir davon aus, dass die Deutschen uns nicht ihre Produktionserfahrungen mitteilen werden, ja, dass es sogar schädlich wäre, sie zu nutzen. Aber alles das erwies sich als falsch. Sie vermittelten gern ihre Erfahrungen und arbeiteten sehr ehrlich selbst dann, wenn sie mit der Richtung der eingeleiteten Arbeiten nicht einverstanden waren.

Der Leiter der Mechanikabteilung, Heinz Dahl, schrieb: „...wir waren freundschaftlich von der örtlichen Bevölkerung aufgenommen worden und von Seiten der sowjetischen Instanzen wurden uns in vielen Fällen Vorzüge gegenüber den eigenen Bürgern eingeräumt, was jedoch keine Unzufriedenheit uns gegenüber hervorrief.“

Wichtig sind auch, die vielfältigen Motivationen zu berücksichtigen, die zur Zusammenarbeit und zu wachsenden Beziehungen zwischen den deutschen Spezialisten und den sowjetischen Organen und Spezialisten führten. Neben den verschiedenen Varianten individueller Anpassungsfähigkeiten gestaltete sich das Spektrum weitaus vielfältiger. Zeitgenossen arbeiteten völlig richtig drei Gruppen von Spezialisten in ihren unterschiedlichen Haltungen gegenüber der UdSSR und ihrer Bevölkerung  heraus: eine feindliche Haltung, im wesentlich faschistisch, loyale Haltungen und passive Gruppen. Die wichtigste Frage, die unter den Spezialisten im Werk diskutierte wurde, war immer die nach der Länge des Aufenthaltes in der SU. Immer wieder tauchten Gerüche über eine baldige Heimkehr unter den Spezialisten auf. 1948 wurde das Gerücht verbreitet, dass die Abreise am 15.9.48 stattfinden wird. Einige Spezialisten begannen, sich darauf vorzubereiten und zu packen. Viele beklagten ihre rechtlose Lage in der UdSSR und nannten sich „Kriegsgefangene“, „lebendige Reparation“. Große Unzufriedenheit und Unruhe riefen unter den Spezialisten Probleme der Sozialversicherung für die Familien im Falle des Todes des Ernährers hervor, aber auch die Frage der Invalidität und des Verlustes der Arbeitsfähigkeit im Alter, zumal eine bedeutende Gruppe der Mitarbeiter das Alter von 58 bis 60 Jahren erreichte und von verschiedenen Krankheiten geplagt wurde. Unzufriedenheit rief weiterhin das Verbot hervor, Lebensmittelpakete nach Hause zu schicken, religiösen Feiertage in der Freizeit begehen zu können und Umgang mit russischen Mädchen zu pflegen. Gerechterweise muss hinzugefügt werden, dass die Deutschen Briefverkehr mit Partner in Ost- wie in Westdeutschland pflegen durften, aus Deutschland Zeitungen und Zeitschriften abbonierten,  Pakete empfangen konnten und nach Ostdeutschland im beschränktem Maße Lebensmittelpakete senden durften.
Bezeichnend war auch das Verhältnis zur Staatsanleihe, die regelmäßig in der UdSSR aufgelegt wurde. Die Deutschen stellten dazu folgende Fragen: „Wenn diese Anleihen für 20 Jahre ausgegeben werden, bedeutet das, dass man 20 Jahre in der UdSSR verbleiben muss? Was geschieht mit Personen, die nicht zeichnen wollen? Verfällt das Geld, eingezahlt für die Anleihe, nach Rückkehr in die Heimat? Die Motive bei der Weigerung, sich an der Anleihe zu beteiligen, waren: Politische Überzeugungen; Ablehnung, auf diese Weise die UdSSR zu unterstützen; das Fehlen einer Vereinbarung über den Zeitraum des Aufenthaltes in der SU; das Verbot, Urlaub in Deutschland zu machen; Angst vor Folgen nach Rückkehr in die Heimat; Angst vor einer Bestrafung durch die Amerikaner und Engländer nach einem Sieg über die Sowjetunion; zu niedrige Löhne, um gut leben zu können und die Verwandten in Deutschland unterstützen zu können. Die übergroße Mehrheit zeichnete jedoch die Anleihe für eine begrenzte Summe bis zu einer Höhe von 50% des Lohnes bzw. des Gehalts.

Einige der Deutschen, die sich für allgemeine politische Fragen interessierten, studierten die Geschichte der KPDSU und die sowjetische Verfassung. Dabei entstanden interessante Situationen. Orlow erinnerte sich: „Im Jahre 1950 organisierten wir Politunterricht im Werke. Die Deutschen ergriffen die Initiative und baten um Vorträge zur Geschichte der KP Russlands. Einige Ingenieure unserer OBK, insbesondere junge Spezialisten und junge Mitglieder der Partei, wurden verpflichtet, Lektionen und Seminare mit den Deutschen zur Geschichte der Partei zu halten. Alles war normal, bis wir zum 4. Kapitel des „Kurzen Lehrgangs der Geschichte der KP“ kamen – zum dialektische und historischen Materialismus. Hier fing alles an. In diesem Kapitel gibt es eine Kritik  der Philosophen des Idealismus Hegel, Kant usw. Die Deutschen  versicherten, dass diese Philosophen nicht das gesagt haben, was ich ihnen vortrug, und auch nicht so, und sie begannen, sie so zu zitieren, wie das weder im Kurzen Lehrgang noch in anderen Lehrbüchern  enthalten war. So jagten sie mich und die anderen Lektoren in die Ecke. Erst Dr. Cordes holte mich da raus, indem er die Debatte beendete, in dem er sagte: „ Was wollt ihr schon von diesem jungen Menschen erfahren, hat er doch diese Autoren nie im Original gelesen, übergehen wir also diese Frage.“ Nach weiteren 2-3 Lektionen über den Kampf gegen den Trotzkismus und andere oppositionelle Strömungen in unserer Partei begannen sich die Deutschen zu langweilen und dem Unterricht fern zu bleiben. Ihre Schlussfolgerung war für uns ein Ärgernis – alles wie bei uns in Deutschland, meinten sie, das gleiche Ringen um die Macht. Unserer Entgegnung hörten sie nicht mehr zu. So endete das große Werk des Studiums der Geschichte der Partei.“ Trotzdem schlief das Interesse an sozialpolitischen Problemen nicht ein. 72,6% der zur Abstimmung Berechtigten nahmen an der vom 23.5.-13.6.1948 in Deutschland stattfindenden Volksbefragung zur Frage „Für die Einheit Deutschlands“ teil, alle deutschen Mitarbeiter unterschrieben den Stockholmer Aufruf zum Verbot von Atomwaffen. Man muss  auch erwähnen, dass ein Teil der Spezialisten sich an der Arbeit der KPD und der SPD beteiligten.

Für die deutschen Spezialisten war das Streben charakteristisch,  eine bestimmte innere Autonomie, eine kollektive Eigenständigkeit zu bewahren und gegen äußere Einflussnahme zu schützen. In Upra entstand eine deutsche Landsmannschaft, die eine Kasse der gegenseitige Hilfe führte und gesellschaftliche Tätigkeiten zur Ausgestaltung der Freizeit organisierte, die vielfältig ausfiel: Kollektive Theaterbesuche nach Kuibischew, Ausflüge in die Natur, Russischunterricht in kleinen Gruppen, Teilnahme am deutschen Sinfonieorchester 
und anderen künstlerischen Tätigkeiten, Sportsektionen und Wettbewerbe. Im Jahre 1949 wurden 54 Filme in deutscher Sprache gezeigt, es fanden 22 Konzerte statt und 8 kollektive Theaterbesuche (400 Personen), das Sinfonieorchester bestand aus 18 Musikern, es gab ein Kinderballett mit 15 Teilnehmern, ein Chor mit 49 Sängern, Fußballmannschaften mit 100 Teilnehmern, die 24 Spiele austrugen.

Eine relativ seltene Erscheinung war die Gründung neuer Familien und Hochzeiten unter den Deutschen (hier wird die Darstellung der eigenen Hochzeit von H.Hartlepp zitiert).

Die Zunahme von russischen Mitarbeitern im Werk erlaubte es, ein Abendtechnikum in Flugzeugtechnik zu organisieren und das Kollektiv mit Absolventen des Kuibischewer Motorenfakultät aufzufüllen. Praktisch der gesamte erste Absolventenkurs der Fakultät wurde vom Betrieb übernommen. Diese Maßnahme führte dazu, dass die Vorherrschaft der Deutschen in leitenden Positionen und die Zahl der deutschen Spezialisten eingeschränkt werden konnte.
Mit dem Jahre 1950 begann die Verteilung der Deutschen auf andere Betriebe, und  610 Speziallisten kehrten mit ihren Familien in die DDR zurück. Ende 1953 wurde die letzte Gruppe verabschiedet.

Der vorliegende Sammelband erfasst die erst kürzlich frei gegebenen geheimen Dokumente, die die Geschichte der Überführung der  deutschen  Spezialisten mit ihren Ausrüstungen, der technischen Dokumentationen in die UdSSR, die Besonderheiten der Arbeitsorganisation in einem sowjetischen Flugzeugwerk in den ersten Nachkriegsjahren sowie die Ergebnisse der gemeinsamen wissenschaftlich-technischen Tätigkeit sowjetischer und deutscher Spezialisten beschreiben. Dem Leser werden die Materialien über das tägliche Leben der Deutschen in einer sowjetischen Stadt interessieren. Sie legen Zeugnis über die Herausbildung einer Kultur der Zusammenarbeit, des gegenseitigen Verständnisses zwischen Russen und den aus Deutschland angereisten Spezialisten und ihren Familien, aber auch über die Komplexität eines solchen Prozesses ab. Der Sammelband ermöglicht es, die Geschichte der Beziehungen zwischen unserem Land und Deutschland zu verstehen.

 Inoffizielle Übersetzung