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Am 26. Juni 1946 war es dann so weit, die Stunde einer „Freiheit" hatte geschlagen, die bis zum 27.Jänner 1947 dauerte. Ich wurde in Begleitung eines Hauptmannes Dorffmann, eines Juden als Dolmetscher, in eine DC-3 eingeladen. Wir flogen einem unbekannten Ziel entgegen. Während des Fluges waren wir beide und zwei Offiziere die einzigen Passagiere, alles andere war Transportgut. Die beiden starrten uns an, schließlich siegte die Neugier. „Wer sind Sie? Wurde ich auf Deutsch gefragt. „Ich bin der Ingenieur Brandner aus Dessau." Da malte sich eine unendliche Überraschung auf dem Gesicht des einen Majors, er sagte: „Ich auf Ihrem Stuhl sitze in Dessau, ich Ihren Aschenbecher benütze, wir denken alle: Sie tot".
Das war auch eine Überraschung für mich: ich erzählte die „Umwege", bis es zu diesem Flug kam.
Zu meinem Erstaunen erzählte der russische Major, wer von meinen Leuten wieder arbeite. In Dessau werde wieder aufgebaut, vor allen Dr. Scheibe und Flugkapitän Pohl seien ihre Vertrauenspersonen. Ich erfuhr schließlich, dass ich über Ufa nach Tschernikows gebracht werden sollte, wo General Klimoff bis vor einem Monat oberster Natschalnik gewesen war. Sein Nachfolger, Nicolai Dimitrowitsch Kusnezow, werde mich empfangen.
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Tschernikowsk liegt am Fuße des Urals und ist eine im Krieg entstandene Ausweichstadt. Die Kama floss nahe vorbei. Man hatte dort früher Flugmotoren, wahrscheinlich Lizenz Hispano Siuza 12y, gebaut; denn die Lizenz dieses Typs hatte Klimoff seinerzeit für Russland gekauft. Jetzt aber war das Zweigwerk Köthen von Junkers mit allen Maschinen hierher verlagert worden. Ich nahm an, dass sie das Triebwerk 004 nachbauen wollten.
Am nächsten Abend, 22 Uhr, war der Empfang im Werk angesetzt. Ich wurde in einen großen Saal geführt, musste ihn durchqueren und stand vor einer Gruppe intelligent aussehender Männer. Sie waren um einen riesigen Schreibtisch gruppiert, vor dem 2 Fauteuils standen, von denen einer für mich und einer für den Dolmetscher Dorffmann bestimmt war. Der mir auf den ersten Blick sympathische Mann im Schreibtischsessel stand auf, reichte mir mit starkem Druck die Hand und begrüßte mich zur Mitarbeit in diesem Werk. Es war Genosse „Glawne-Konstrukor" Kusnezow. Nun gab es wie immer ein Frage-und-Antwort-Spiel, von hohem Format, wie ich mit Freude feststellte. Als Kusnezow mir vorschlug, den 6-Reihen-Stern, der in Dessau nicht mehr zur Ausführung gekommen war, neu zu projektieren, sagte ich gern zu. Ich hatte aus Freude über die wieder gewonnene Freiheit einen unbändigen Arbeitswillen. An Geld bekäme ich, was ich brauche, sagte man mir, ich müsse nur einen Antrag beim Finanzmann stellen. Ich könne hingehen, wohin ich wolle, und dürfe Briefe schreiben und empfangen.
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Ich bekam ein Bürozimmer, in dem ein großes Dessauer Reißbrett mit einer Kulmann-Zeichenmaschine stand, dann Zirkel, Bleistift und Papier. Sofort machte ich mich an die Arbeit und sah zu meiner Freude, dass ich weder das Konstruieren noch das Rechnen verlernt hatte. Ich hatte schon im Lager den „Dubbel" vom Anfang bis zum Ende neu durchstudiert. Allmählich fand sich mein Gedächtnis. Ich hatte auf einmal wieder alle wichtigen Konstruktionsmaße im Kopf und begann mit einem Längsschnitt des Reihensternmotors, der sich vom Jumo 222 nur durch die Zahl der Sterne unterschied. Erstmals ruhige Stunden, in denen ich auch wieder als Ingenieur arbeiten konnte.
Dass ein Natschalnik selbst konstruieren konnte, ohne dazu eine Vorlage zu benützen, so aus dem Kopf heraus, das umgab mich mit einer Aura, der ich viel Gutes verdanke. Es kamen immer mehr junge Leute in mein Zimmer „wallfahrten", um zu sehen, was da auf dem Papier entstünde. Als ich dann einen Querschnitt nach dem anderen auf das Papier bannte, die Einspritzpumpen im Schnitt zeigte, sowie sie bei uns in Dessau verwendet wurden, kamen sie aus einer Art ehrfürchtigen Staunens nicht mehr heraus.
Es folgten Tage der Aussprache mit den leitenden Herren. Ich erzählte von den Arbeits-methoden in Dessau und Muldenstein. Viele Fragen, viele Antworten. Der Glaube an mich selbst kehrte zurück. Ich fühlte, dass ich noch etwas konnte, und das gab mir Mut, nun Schlag auf Schlag Neues zu bringen. Vielleicht brachte mich diese Arbeit der Heimat näher!
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Typisch für die sowjetische Industrie ist die Besetzung der Führungsposten mit technischen Akademikern. Auch der Minister und ihre Stellvertreter müssen aus diesem Berufskreis hervor gegangen sein. Man kann nicht sagen, dass dieses System Nachteile hätte. Im Gegenteil!! Nur durch die hohe Bewertung des Ingenieurs bei Führungsfragen haben die Sowjets einen so schnellen technischen und industriellen Aufschwung genommen. Man muss dabei an den Aufwand der amerikanischen Raumfahrtforschung denken, die ihren Anfang dem deutschen Beutegut an V-Waffen zu verdanken hat. Dennoch waren die Russen die ersten, die ihren Sputnik in das Weltall schickten.
Bei uns findet man immer überwiegend Juristen und Kaufleute an der Spitze von Industrien, also Managertypen, die heute eine Textilindustrie und morgen eine Automobilfabrik „sanieren."
In der russischen „Sawod" ist der „Glawne"-Konstruktor, deutsch Chefkonstrukteur, der erste Mann.
Ich hatte mittlerweile eine neue Brennkammerkonstruktion für Jumo 004 vorgeschlagen, die sofort angenommen wurde. Auch hier hatte man auf den Prüfständen die schwache Stelle der Triebwerke entdeckt, das Ausbrennen der Einzelkammern. Wahrscheinlich hatte der russische Kraftstoff noch mehr Schwefelgehalt als der unsrige. Deshalb trat der bewusste Defekt schon nach den ersten Stunden ein. Ich machte 6zylindrische Einzelkammern, ähnlich der damals bekannten Nine-art, und hatte vor meiner Abreise die Genugtuung, dass sie zu vollem Erfolg führten.
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Am 10.Dezember war große Aufregung: der stellvertretende Minister für Luftfahrt, Minister Pallandin, wurde erwartet. Am Abend nach seiner Ankunft ließ man mich rufen und teilte mir zu meinem Erstaunen mit, der Minister wünsche mich zusprechen. Dann stand ich vor ihm: eine große, sehr sympathische Person mit vielen Orden auf der Brust. Er begrüßte mich auf das freundlichste und teilte mir mit, er sei gekommen, um mich zu meinen Kameraden nach Kujbischew zu bringen, wohin das Dessauer Junkerswerk verlagert worden war. Ein alter Bekannter von mir, Dr. Scheibe, und ich sollten den Aufbau übernehmen.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge hörte ich diese Botschaft. Ich schätzte Dr. Scheibe als Mensch, aber was hieß: „Mit ihm zusammen?"
Natürlich freute ich mich auf ein Wiedersehen mit meinen alten Mitarbeitern. Also brauchte ich mein Leben wenigstens nicht hier allein zu verdämmern. Zur großen Freude von Herrn Kusnezow schlug ich dem Minister vor, dass ich meine angefangenen Arbeiten zunächst hier fertig machen und erst am 1. Januar 1947 nach Kujbyschew kommen solle.Dieser Vorschlag sollte mir hohe Zinsen einringen. Er wurde angenommen, mein Weggehen allgemein bedauert.
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Endlich, am 2. Januar 1947 morgens, kam die Meldung durch, der Start sei möglich. Der Flugplatz lag 10 km östlich von Tschernikowsk. Als ich neu eingekleidet wie ein „Barin" in das Flugzeug stieg, fühlte ich plötzlich, dass ein völlig neuer Lebensabschnitt auf mich zukam. Ich hatte mir eine gewisse Achtung bei der Russen verschafft, die in der Zukunft nur von Nutzen für mich sein konnte. Das halbe Jahr Arbeit an diesem Ort hatte ausgereicht, den führenden „Glawny"-Konstruktor von meinen Kenntnissen und Erfahrungen zu überzeugen. So ergab sich der Abschied auf dem Flugplatz wie der von Freunden. Sogar Tränen flossen.
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Der Flugplatz, auf dem wir landeten, lag in der Nähe großer ausgedehnter Produktionswerke.
Der Name dieser großen, künstlich angelegten Stadt war Besimianka, auf deutsch: „Ohne Namen". Ein Auto wartete auf mich, ein altes Vehikel mit einem Original von Fahrer, mit dem ich dann fast 6 Jahre hindurch die abenteuerlichsten Dienstfahrten unternommen habe. Nach 60 km Fahrt durch Wälder fuhren wir durch eine typische neue Siedlung namens Uprawlentscheski, zu deutsch, Regierungsstädtchen, nach einem großen Sanatorium, das auf einer Anhöhe der Schikoliberge an der Wolga lag. Dort sollte ich mich 2 Wochen lang erholen. Eine wuchtige Architektur mit etwas verwahrlostem Inneren. Diese Verwahrlosung, die ein Kennzeichen fast aller Bauten in kommunistischen Ländern ist, rührt nicht zuletzt davon her, dass bei den Dienstkräften nicht jenes Verantwortungsgefühl herrscht, wie es bei der Verwaltung von Privateigentum, bedingt durch die ständige Kontrolle des Eigentümers, verständlicherweise vorhanden ist. Das Sanatorium beherrschte durch seine Lage den Wolgaraum. Viele Stufen führten hinab in ein Fischerdorf am Strom. Südwärts sah man in weiter Ferne das Wolgaknie. Nordwärts müsste man den großen Damm sehen, der 1954 begonnen wurde und dessen Aufstau bis Kasan reicht.
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Das Gebiet, in dem ich meine nächsten Jahre zubringen sollte, war ein Strafbezirk, über den viele Lager verteilt waren. Ich bekam im Sanatorium ein sauberes Zimmer mit Balkon und Ausblick auf die Wolga. Eine große Ausnahme, denn sonst lagen mindestens 4 Personen zusammen.
Es dauerte nicht lange, da wurde mir hoher Besuch angekündigt. Oberst Olechnovitsch, der Leiter des Werkes, erschien mit dem deutschen Führer des Kollektivs. Der Oberst begrüßte mich mit betonter Herzlichkeit wie einen alten Bekannten, obwohl ich ihn noch nie gesehen hatte, und er sagte mir, dass mich nicht nur er, sondern auch meine früheren Kameraden schon erwarteten. Er war ein blonder, hochgewachsener Typ mit blauen Augen.
Da waren sie alle: Dr. Scheibe, der Führer des Teams, den ich ja schon viele Jahre als Vertreter Professor Maders kannte. Seine Stellung gab mir noch manches Rätsel auf, aber ich freute mich, ihn zu sehen. Dann kamen – ein wenig verlegen – meine früheren Mitarbeiter, die ich in Muldenstein in falscher Einschätzung der Realitäten zum Abschiedsschmaus eingeladen hatte. Über sie erfuhr ich die Vorgeschichte ihrer Verschleppung: Bald nach ihrer Rückkehr von Muldenstein nach Dessau rückten die Russen endgültig ein. Als Tausch gegen Westberlin war ihnen von den Alliierten Anhalt mit Dessau zugesprochen worden. Sie forderten die früheren Mitarbeiter auf, zurückzukehren und das Werk wieder aufzubauen. Sie bekämen bessere Lebensbedingungen, besseres Gehalt und genössen Sonderrechte. Wer hätte dieses Angebot nicht angenommen! Es gab ja nichts zu essen, alles war knapp oder gar nicht vorhanden. Den Vorteil, die Familien besser ernähren zu können, nahm jeder gern wahr.
So begann der erste Teil des Dramas von Zuckerbrot und Peitsche.
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Schnell füllte sich das Otto-Mader-Werk mit den Resten der alten Garde, das heißt, den von den Amerikanern zurück gelassenen Mitarbeitern. Sie fühlten sich völlig zu Unrecht deklassiert als zweite Garnitur. Dessau wurde zum Sammelplatz verschiedenster Spezialisten. Das Wort: „Du, Spezialist!" wurde in diesen Zeiten geboren, es sollte auf Jahre die für die Sowjets tätigen Techniker der führenden Kriegsindustrie allen anderen Staatsbürgern voranstellen. Das Abkommen der Alliierten von Jalta in der Krim gab den Siegermächten seit 1945 das Recht, alles geistige Eigentum, das in Patenten geschützt war, zu „beschlagnahmen". So entstand auf dem Luftfahrtsektor mit deutscher Hilfe in Amerika der Aufschwung der Raketentechnik und in der UdSSR der Aufschwung im Strahltriebwerksbau.
Nachdem schon die Amerikaner in Dessau abgesahnt hatten, versuchten die Russen durch Emissäre die im Westen lebenden Dessauer Techniker und Arbeiter zur Rückkehr zu veranlassen. In manchen Fällen gelang ihnen das auch. So gaukelten sie den Deutschen den Wiederaufbau in Dessau vor und lockten damit die Erfahrungsträger wie Bienen der Nektar an. Es wurden auch Hochschulprofessoren von der TH Dresden eingestellt und zum Schein neue Prüfstände für Strahltriebwerke aufgebaut. In dieser Zeit begann Rudolf Baade bei den sowjetischen Besatzungsbehörden eine maßgebliche Rolle zu spielen. Ich war mit ihm befreundet und wir duzten uns.
Schließlich hatten die Russen Ende 1946 in Dessau alles, was sie brauchten, beisammen. Jetzt kam es zu einer in der Geschichte wohl einmaligen Blitzentführung vieler Tausender von Spezialisten aller technischen Gebiete samt ihren Familien und ihrem Eigentum. Am 22. Oktober 1946, um 5 Uhr früh, fuhren Lastwagen mit sowjetischen Militärkommando-Besatzung vor das Wohnhaus des ausgewählten Spezialisten, dem Unglücklichen wurde ein Befehl vorgelesen, worin es hieß, dass das ganze Werk nach Russland verlegt wurde und er mit seiner Familie ihm zu folgen habe. Binnen drei bis fünf Stunden wurde von diesem Kommando die Wohnung geräumt und alles, was nicht niet- noch nagelfest war, in Kisten eingepackt und bezeichnet. Dann fuhr man mit den Familienangehörigen und den Lastwagen zum Bahnhof. Sammeltransporte wurden zusammengestellt. Für alles war vorgesorgt. Die Spezialisten und alle Familienmitglieder erhielten Lebensmittelpakete. Das Möbelzubehör verlud man in Güterwaggons.
Außer der Luftfahrtindustrie waren Chemie, Optik, Hochfrequenz und Maschinenbau von dieser Aktion betroffen. Hunderte Züge rollten in jener Woche durch Polen. Häufig wurde geschossen. Banden versuchten die Züge zu berauben. Nach 8 bis 10 Tagen kamen die Verschleppten in ihren verschiedenen Arbeitsorten an. Sie fanden dort bereits geräumte oder neu aufgebaute Wohnviertel vor, und Wohnungen, wo bereits ihre Namen an den Türen standen.
Die Dessauer Junkerswerke verlagerte man in ein Werk etwas 50 km nördlich von Kujbischew, dem ehemaligen Samara. Es war als Wasserversuchslaboratorium für ein Stauprojekt im Wolgaknie errichtet worden und hatte bereits eine Wohnkolonie für die notwendigen Arbeiter und Ingenieure. So entstand Mitte 1935 Uprawlentscheski.

Es war bereits kalter Winter. Die Russen brachten sogar für einige Tage Brennholz in die Wohnungen. In den Steinhäusern hausten je zwei bis drei Familien, die Küche war gemeinsam. Besser waren jene dran, denen man Finnenhütten zugewiesen hatte, Holzhäuser, von den Finnen zu Tausenden als Reparation geliefert. Sie waren winzig im Ausmaß, aber man war für sich allein. Der Rest war in zweistöckigen Holzhäusern mit meist je vier Wohnungen untergebracht.
Das war die Situation, die ich vorfand, als mir meine früheren Mitarbeiter von ihrem Geschick zu erzählen begannen.
Im übrigen fand ich ein Tohuwabohu vor. Cliquen hatten sich gebildet. Manche Leute hatte es nur hochgeschwemmt, weil sie einen akademischen Titel besaßen.
Man hatte für mich die Leitung der Konstruktionsabteilung frei gehalten, weil die Russen es gefordert hatten. Mit meinem Auftauchen hatte die neue Werksführung aber offensichtlich nicht gerechnet, wenigstens nicht in nächster Zeit. Ich musste mich erst orientieren, wie ich die vorgefundene Situation mit der von Minister Pallandin gegebenen Richtlinie koordinieren konnte. Die Fertigung war mit unserem alten Versuchsbauleiter des Otto-Mader-Werkes, Ing. Singer, gut besetzt. Die Warmbetriebe und die Fertigkeitsabteilung hatten den ältesten Mitarbeiter von Junkers, Dipl.-Ing. Steudel, zum Leiter; er war schon damals an die 60 Jahre alt. Als Konkurrenz saß im gleichen Werk ein Team von BMW, das gegen Kriegsende das Triebwerk 003 herausgebracht hatte, mit dem der „Volksjäger" hätte bestückt werden sollen. Ihr Betreuer in Salzgitter war ein Russe, der sehr großzügig in der Gehaltsfestlegung war, so dass die BMW-Gruppe finanziell besser abschnitt als die Junkergruppe. Das erzeugte natürlich Spannungen. Die größte Verbitterung aber fand ich bei unserem Selfmade-Männern vor, die mit niedrigen Gehältern herumliefen, weil für die Russen nur das Schulzeugnis ausschlaggebend war.
Als ich meine Arbeit begann, bildeten wir ein sogenanntes Kollektiv. So mussten wir uns auch 9 Jahre hindurch nennen. Es war ein bunter Haufen, den die Russen nach irgendwelchen nicht zu ergründenden Gesichtspunkten aus der Masse der in Dessau vorgefundenen Fachleuten ausgesucht hatten. Meine alte Kameradschaft war da, dann die Männer von verschiedenen Abteilungen des Otto-Mader-Werkes und von auswärts. An die Spitzen der Abteilungen waren einige Männer gekommen, die von den „Alten" menschlich und technisch nicht kritiklos anerkannt werden konnten.
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Allein das genaue Studium der Gehaltslisten zeigte klar die Ungerechtigkeiten einer willkürlichen Einstellung der Mitarbeiter auf. Eine Beruhigung der Gemüter ließ sich auf Dauer nicht erwarten. Ich forderte deshalb für mein Konstruktionsbüro-Budget eine Erhöhung von 10.000 Rubel im Monat, die ich nach Darlegung der Gründe von Oberst Olechnovitsch auch erhielt. Dann begann ich ein härteres Arbeitsregime einzuführen, aus dem einfachen Grunde, um die Menschen wenigstens während der Arbeitszeit von ihrer Verzweiflung anzulenken. Ein Selbstmord, einige verhinderte Selbstmorde, unzulängliche Holzversorgung, Unfrieden zwischen den willkürlich zusammengepferchten Familien, Krach in den Küchen der gemeinsamen Haushalte, das alles ließ die Stimmung auf Null sinken. Dazu kam noch das für ein Kollektiv ungewöhnlich betonte Klassensystem, an dem wir unschuldig waren; hie Arbeiter, hie Angestellte und hie Akademiker. So hatten wir beispielsweise verschiedene Lebensmittelkarten. Die Arbeiter hatten viel schlechtere Bedingungen als die Ingenieure, die Akademiker bekamen die reichlichsten Zuwendungen, sodass dort nicht von Not gesprochen werden konnte. Die Ärmsten unter uns waren die kinderreichen Familien,da es für sie keinerlei Kinderzulagen gab. Schließlich hatte man einen früheren Frühstücksdirektor der Ifa als Sozialarbeiter eingesetzt, der als ehemaliger Zentrumsfunktionär nur sehr einseitige Interessen verfolgte, noch dazu mit viel Hochmut. Auch das konnte unserer Gemeinschaft nicht zuträglich sein.
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Ich sollte mit Dr. Scheibe gemeinsam das Kollektiv führen. Er brachte von Dessau die Aufgabe mit, ein Strahltriebwerk 012, das schon dort geplant war, mit 300 kg Schub zu bauen. Die Vorarbeiten hierfür wurden in der Gruppe Vorentwicklung projektiert. Wir alle hatten keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet. Nur die Fertigung brachte Kenntnisse von der 004-Produktion her mit. Für mich war alles neu. Die Organisation war junkersmäßig aufgezogen. Die Projektierung hatte nicht mein Vertrauen, wohl aber die Gruppe Thermodynamik, die unter der vortrefflichen Führung eines ehemaligen Dresdener Physikprofessors stand. Er und ein Mathematiker –ebenfalls von der TH Dresden – waren diejenigen, die die Grundlagen für die Rechnungen schufen. Sie rechneten die cp- und cv-Tafeln (spezifische Wärme bei konstantem Druck) nach den neuesten Formeln von Joost aus und ermöglichten damit die Durchführung einer Kreisprozessrechnung. Die Russen gaben uns keinerlei wissenschaftliche Arbeitsunterlagen. Wir besaßen nur technische Handbücher, die „Hütte", den „Dubbel" und eine Charakteristik über eine Stufe des 04-Kompressors. Das war alles.Mit Rohmaterial jeglicher Art und jeglicher Form hingegen waren wir reichlich versorgt: Bleche, Schaufelmaterial, Scheiben, Kugellager usw. kamen als Beutegut aus Dessau.
Ich entschloss mich, in der Konstruktion die Verwendung nur dieses gegebenen Materials streng vorzuschreiben. Das sollte sich als überaus wichtig herausstellen im Wettbewerb mit unserer damaligen Konkurrenz, der BMW-Gruppe, die sich zu sehr auf die Versprechungen von Materiallieferungen durch die Russen verließen. Diese wurden natürlich nicht eingehalten, was große Zeitverluste verursachte. Unsere neuen Triebwerke 012 liefen bereits auf den Prüfständen, als das BMW-Triebwerk noch auf sich warten ließ.
Diese Schlappe führte dann auch zur Vereinigung der beiden Kollektive zu einem einzigen. Der Chef des BMW-Teams übernahm die Leitung des Versuchs, ich das Konstruktionsbüro. Die anderen Abteilungen wurden sinngemäß aufgeteilt. Bei dieser Vereinigung setzte ich auch einen Ausgleich der Gehälter durch, der im wesentlichen zu einer Reduzierung bei der BMW-Gruppe und zu einer Erhöhung bei der Junkergruppe führte. Angesichts der Notwendigkeit einer gerechten Bezahlung bei einem Kollektiv von 2000 Menschen hielt ich dies für unumgänglich notwendig, um den inneren Frieden auf die Dauer zu regeln.
In 2 Jahren entstand das erste Strahltriebwerk, es brachte unseren bunten Haufen langsam auf eine Linie.
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Wir verwendeten Tinitur-Schaufelmaterial von Krupp und Schweißkonstruktionen, soweit das
möglich war. Wir passten unsere Teile den Fertigungsmöglichkeiten der inzwischen montierten Fabrikationsmaschinen an, die aus Dessau oder den Zweigwerken herbeigeschafft worden waren. Aus Dessau war auch der frühere Leiter der Leichtmetallgießerei, Dr. A., mitgekommen. Er errichtete mit primitiven Mitteln in Arm, einem Vorort unserer Siedlung, eine Leichtmetallgießerei, die unseren ganzen Bedarf an Leichtmetallguss deckte. Das war eine hervorragende Einzelleistung.
Bei der Ankunft der Werkzeugmaschinen war manches zu Bruch gegangen. Man hatte die Kisten mit dem Maschinen einfach von den Lastwagen auf den Boden gestürzt, weil keine Krane zur Verfügung standen. Jetzt begann aber das Wunder der russischen Improvisation. Die Russen zerlegten jede Maschine und reparierten sie mit erstaunenswerter Genauigkeit, wobei sie zusammen mit unseren geschulten Kräften geradezu Wunder vollbrachten.
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Jeder Betrieb braucht eine gewissen Ordnung, um leistungsfähig zu werden. Mit diesem ersten Triebwerk hatten wir sie erzwungen. Dabei waren die Anfangsleistungen unserer Arbeiter und Monteure unter bittersten Entbehrungen angelaufen. Im kalten russischen Winter bei 25 Minusgraden, die wir erstmalig in ihrer Härte kennengelernt hatten, bauten unsere Monteure, nur mit Wattewesten bekleidet, die ersten beiden Prüfstände aus Holz. Auch unsere Dessauer Planungsleute, die mitgekommen waren, leisteten hervorragende Arbeit. Was Spezialmaschinen, weil nicht vorhanden, nicht ausführen konnten, wurde besonders bei der Schaufelbearbeitung, dank der schöpferischen Fantasie der Arbeitsvorbereitung unter Leitung Dr. Bredendiecks, später Professor an der TH Dresden, gemeistert. Alles schufen unsere Leute neu. Die Junkers-Wasserbremse wurde als Einscheibenbremse neu konstruiert; es war die größte bisher bei uns gebaute. Sie arbeitete einwandfrei mit der vorgeschriebenen Genauigkeit. Alle Messinstrumente wurden aus dem Beutegut zusammengesucht. Für die Differenzdruckmessung der Kompressionsstufen fertigten wir ein Messgerät an. Durch Abreißen der Strömung bei verschiedenen Stufen trieb es das Quecksilber heraus, das immer wieder in den Ritzen des Holzfußbodens verschwand. Das ging 2 Jahre gut, bis alle, die sich auf den Prüfständen aufhielten, Quecksilbervergiftungen bekamen, der eine mehr, der andere weniger. Dieser Umstand brachte es mit sich, dass sofort neue, große Prüfstände aus Beton gebaut wurden. In einer nahezu märchenhaft kurzen Zeit von 2 Monaten waren sie fertig.
Nach vielen Schwierigkeiten, aus denen wir alle lernten, wie ein Strahltriebwerk richtig auszulegen war, konnten wir mit den 100-Stunden-Dauerläufen beginnen. Dabei geschah es einmal, dass eine Turbinenschaufel brach, als ich mir die rotglühende, verstellbare Schubdüse von hinten ansah, um die ungleiche Temperaturverteilung zu studieren. Das rotglühende Bruchstück sauste zwischen meinen Beine in die Erde. Ich hatte Glück gehabt.
Die Schwierigkeiten in der Schaufelfertigung lagen vor allem darin, dass die Abweichungen in der Profilfertigung durch nicht genaue Einhaltung der Winkeltoleranzen zu groß wurden; die Wirkungsgrade zwischen den verschiedenen Kompressoren waren sehr verschieden und verschoben die Abreißgrenzen. Bei der Brennkammer gingen wir neue Wege. Ich wollte die Vorteile der Einzelkammer mit denen der Ringkammer vereinen, und so schufen wir einen Typ, der höchsten Ausbrand hergab. Bei unserem Triebwerk waren nie die Rauchfahnen sichtbar, wie z. B. bei den Triebwerken unserer amerikanischen und englischen Konkurrenz noch in den siebziger Jahren. Ich habe in technischen Veröffentlichungen hierüber genau berichtet.
In der Sowjetunion endet jede Entwicklung mit einem Staatslauf oder mit einer staatlichen Übernahme. Erst damit ist die gestellte Aufgabe als erfüllt betrachtet. Eine Kommission aus Moskau wurde uns angekündigt, die zuerst alle Berechnungen und Zeichnungen prüfen, stempeln, die Messtoleranz festlegen, verschiedene Vorprüfungen am Prüfstand machen und dann erst den Dauerlauf mit einem vorgeschriebenen Lastprogramm anlaufen lassen sollte. Wir hatten ein gutes Gewissen, wenngleich mir die unerklärlichen Ausreißer bei den Turbinenschaufelbrüchen Kopfzerbrechen machten. Mein Freund, Dr. Schmid, Leiter der Bauteilprüfung, warnte mich, weil wir hierfür keine lückenlosen Erklärungen hatten. Wir kontrollierten zwar die Eigenschwingung jeder Schaufel in der Produktion, aber die Art der Eigenschwingungserregung, ob Eigen- oder Fremderregung, die zur Resonanz und damit zum Bruch führte,war nicht klar. Wir hatten aber einige einwandfreie 100-Stunden-Läufe gemacht, sonst hätten wir es nie gewagt, den Staatslauf anzumelden. Da bei erfolgreicher Absolvierung große Prämien ausgeschüttet werden sollten, drängten vor allem die Russen auf den Staatslauf und hoffen, dass alles gut gehen würde.
Dieser Staatslauf im Jahre 1948, also 2 Jahre nach dem Anlaufen der Arbeiten, war an und für sich eine gewaltige Leistung und stellte unserem Kollektiv ein sehr gutes Zeugnis aus. Um es kurz zu machen: Nach einer spannungsgeladenen Woche flog eine Turbinenschaufel in der 94. Woche davon. Alle unsere Mühe war umsonst, wir selbst bis auf die Knochen blamiert. Die Kommission war weder böse noch enttäuscht, sie fuhr einfach wieder ab.
Die Abteilung Festigkeit und die Schwingungsabteilung mit ihre Bauteilprüfung sahen noch einmal das ganze Schaufelproblem durch und entdeckten dabei immer mehr Neuland, auf dem man suchen musste. Unsere Metallurgen, Steudel und Lorenz, erkannten die Zusammenhänge zwischen dem beim Schmieden entstehenden Grobkern und der Dauerstandfestigkeit. Sie fixierten 0,5 mill. als oberste Korngrenze. Die ersten Überlegungen über den Einfluss der Temperaturwechselfestigkeit wurden angestellt. Die Einflüsse der Temperaturverteilung vor dem ersten Leitkranz der Turbine, die Entfernung der Streben für die Schubdüsenhaltung von der letzten Turbinenstufe und die Strömungsvorgänge im Schaufelkanal – um nur einige Gebiete zu nennen – wurden leider nur theoretisch oder durch improvisierte Versuche untersucht. Wir hatten als Messmöglichkeiten nur das, was wir uns selber anfertigen konnten.
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Wir waren alle nur auf unser Gehirn, auf unsere Fantasie und auf unser handwerkliches Können angewiesen. Wir mussten Berichte über Berichte an die russische Zentrale der Triebwerksforschung abliefern. Wenn ich mich recht erinnere, lieferten wir über 200 theoretische und experimentelle Berichte ab. Davon lernten unsere Brotgeber am meisten. Es folgte ein reger Gedankenaustausch. Viele kamen und unterhielten sich mit unseren Strömungsleuten.
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Nachdem 1948 unser Triebwerk bei der Vorführung gescheitert war, merkte man vielfaches Interesse von Seiten der Moskauer Behörden. Bis dahin hatte wir das Gefühl, man lasse uns spielen. Eines Tages hörten wir von unserem Oberst, dass Stalin sich abfällig über unsere Konstruktion geäußert habe. Er sagte, wir hätten eine Lokomotive gebaut. Diese Methode kannte ich bereits. Man wollte uns aufstacheln und statt der erhofften Heimkehr sollten wir wieder von vorn anfangen.
Ich bemühte mich immer, den Willen zu schöpferischer Mitarbeit unter meinen Mitarbeitern zu wecken. Wie ich glaube, ist mir das dann im Laufe der Jahre auch gelungen. Später wurde ich deshalb von einigen Leuten in Westdeutschland als Stachanow hingestellt. Wir waren Gefangene des Siegers. Dass er uns gut behandelte und uns gut bezahlte, waren angenehme Begleitfakten, die aber nicht so schwer ins Gewicht vielen wie die Verbannung. Ausnahmslos litten wir alle an Heimatsehnsucht. Keiner von uns wusste damals, was die Sowjets mit uns endgültig vorhatten. Ich allein glaubte, dass wir durch unsere technische Leistung ein Faustpfand in den Händen hielten, denn meine Schlussfolgerung aus allen bisherigen Erlebnissen war, dass der Sowjetmensch nur einen Gott kannte: die Technik.
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Als wir mit russischer Hilfe eine deutsche Schule für unsere Kinder aufbauen durften, kamen viele Probleme auf uns zu. Gewiss, endlich konnten wir unseren Kindern eine Schulausbildung geben, und dadurch hatten die Mütter mehr Zeit und Ruhe. Es war eine zehnklassige Schule vorgesehen, in der ehemalige Schulmeister und Schulmeisterinnen unseres Kollektivs unterrichteten, nach genau vorgelegten Schulplänen, die der russische Direktor ihnen gab. Der Russischunterricht erfolgte durch russische Kräfte. Die Arbeit unseres Führungsteams hatte an dieser Schulgründung großen Anteil. Am 1. September wurde die deutsche Schule unter der Bezeichnung „Deutsche Spezialistenschule" eröffnet und erfasste rund 260 Schüler. Das Niveau der Schule war hoch, das stellte sich heraus, als sich unsere ersten Abiturienten in den Hochschulen in Kuibyschew und Moskau mit russischen Hörern messen konnten.
Der Lehrplan in allen Fächern wie Deutsch, Russisch,Mathematik, Physik, Chemie, Geschichte, Erdkunde, Naturkunde, Astronomie, Darwinismus und Verfassungskunde war sehr konzentriert, und unsere Kinder mussten sich sehr anstrengen, um den Anforderungen zu genügen. So wie bei uns in der Fabrik wurden auf einem schwarzen Brett die Bestleistungen von Schülern hervorgehoben. Von der 3. Klasse an wurde jedes Schuljahr durch eine Prüfungsaktion beendet. Die Fragen mussten schriftlich und mündlich beantwortet werden; sie wurden durch das Los gezogen und waren in der ganzen Sowjetunion die gleichen. Ein solches System ist ausgezeichnet, wenn man mit einem häufigen Wechsel des Schulortes rechnen muss.
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Persönlich erwiesen mir die Russen zweimal ein außerordentliches Wohlwollen. Kurz nachdem ich 1947 in Uprawlentscheski angekommen war und zu meiner Überraschung ein Monatsgehalt erhielt, schrieb ich sofort an Stalin ein Gesuch, mir die Übersendung meines Gehaltes an meine Familie zu gestatten, die ohne meine Unterstützung in materieller Bedrängnis lebte. Einen Monat später rief mich der Oberst und ließ mir eine Verordnung vorlesen, worin ich durch einen Stalin-Erlass die Erlaubnis erhielt, 6000 Rubel nach Hause senden zu dürfen.
Die Diskussionen über das Geld-nach-Hause-Senden hatten Erfolg. Seit Beginn 1948 durfte jeder bis zu 50% seines Gehaltes in die DDR oder in die russische Zone Österreichs senden. Nun hatte meine Familie endlich eine reichliche materielle Sicherheit. Auch die anderen Familien begannen jetzt zu sparen, damit sie den Rest in die Heimat senden und sich einen Spargroschen zurechtlegen konnten. Die Verfügung hatte noch eine etwas würdelose Folge; denn in den schwarzen Basaren bei uns und in Kuibyschew tauchten nun unsere deutschen Spezialisten auf und verkauften aus ihrem Haushalt alles, was hoch im Kurs stand. Von Damenspenden bis zum Nachthemd, von alten Nägeln bis zu Möbelstücken jeder Art, alles war gefragt. Alles brachte Rubel, und diese Rubel konnte man in der Ostzone versilbern.
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Ende 1948 kam die dritte Überraschung. Über Nacht wurde ich nach Moskau ins Ministerium befohlen. Der Minister wollte mich sprechen. Das war nun in vieler Hinsicht sonderbar, warum mich und nicht den offiziellen Leiter des Kollektivs? Blitzartig kamen die wildesten Gerüchte auf. Weitere Verschleppung, Führungswechsel? Niemand hatte Vertrauen in die Zukunft. Das waren die schwersten Folgen der Verschleppung: man traute den Sowjets nicht über den Weg.
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Ich sah in Moskau wohl mehr, als ich eigentlich sehen sollte. Nur wir in Uprawlentscheski lebten ein Scheinleben, da wir eine spezielle Lebensmittelzuteilung hatten. Statt frischer Eier war in ganz Russland noch das amerikanische Eipulver im Umlauf. Obst gab es überhaupt nicht.
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Endlich kam der Tag, an dem ich in das Ministerium geführt wurde. Ich weiß nur noch wenig vom Air des Mannes, der mich begrüßte und mir folgendes mitteilte: „Wir haben für Sie und Ihr Kollektiv eine neue Aufgabe. Wir wissen, dass sie geleistet werden kann, denn wir kennen Sie aus Dessau. Sie sollen in Russland Propellergasturbinen entwickeln. Sie haben einen Konkurrenten, General Klimow, der in Leningrad an derselben Aufgabe arbeitet. Die Soll-Leistung beträgt 6000 PS."
Auf meine Frage ob dies nun bedeute, dass wir unsere Heimat und ich meine Familie nie wiedersehen würden, da wir doch dann an einem geheimen Militärauftrag arbeiten würden, gab er mir die historische Antwort: „Wenn sie diese Aufgabe erfüllt haben, können sie alle in ihre Heimat zurückkehren. Ich gebe Ihnen 5 Jahre Zeit. Wir wissen, in der Technik kochen alle nur mit Wasser. Auch die Amerikaner. Sie werden den Amerikanern alles erzählen können, denn sie werden sicher nichts nachbauen. Die wollen nur wissen, welche Typen und wie viel Stück von jeder Type wir machen. Das werden sie nie erfahren." Nach 10 Minuten war ich wieder entlassen. Eine Zentnerlast fiel mir vom Herzen. Von diesem Augenblick wusste ich,dass wir die Heimat wiedersehen würden, wenn auch noch Jahre dazwischen lagen.
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Das ganze Kollektiv wurde nunmehr einer zielstrebigen Planung unterworfen, bei der Parallelarbeiten vermieden werden sollten. Spannungszentren wurden ausgeschaltet und dann mit der Arbeit begonnen.Innerhalb zweier Jahre erledigten wird die uns gestellte Aufgabe mit der Energie hoffender Menschen. Zwei neue Hauptabteilungen hatten dabei wesentlichen Anteil.
Wir hatten eine mechanische Leistung abzubremsen und mussten somit erst eine Bremse für 6000 PS und eine Drehzahl von 7650 U/min konstruieren und bauen. Zusätzlich die gesamte Regelung. Für alle diese Teilaufgaben waren die Speziallisten aus Dessau vorhanden. Die Regelung war so geplant, dass mit dem Luftgewicht eine bestimmte Kraftstoffmenge zugeordnet wurde und der damit festgelegten Leistung eine bestimmte Drehzahl. Die Drehzahl konnte durch Verstellung der Luftschraubenblätter eingestellt und durch einen Drehzahlregler konstant gehalten werden.
Der Wille, den Minister beim Wort zu nehmen, riss die gesamte Mannschaft zu einer Arbeitsleistung hin, die vielleicht nur uns erklärlich war, galt es doch, unserer Freiheit und unsere Rückkehr in die Heimat zu erkämpfen.
Im September 1950 wurde überraschend der erste Transport mit 600 deutschen Spezialisten und deren Familien nach Hause geschickt. Das war eine große Sensation. Mancher Heimkehrer fand sich nicht gleich zurecht. Schließlich waren die Lebensverhältnisse in Russland erträglich geworden, man konnte erspartes Geld nach Hause schicken. Es wurde uns damals mitgeteilt, dass der letzte Deutsche bis 1952 das Land verlassen haben sollte. Zur gleichen Zeit wurde uns gesagt, dass die einzige Parallelentwicklung unseres Triebwerkes, die von General Klimoff in Leningrad, eingestellt worden sei.
Unser Staatslauf wurde noch im selben Jahr 1950 erfolgreich durchgeführt. Wir waren diesmal besser darauf vorbereitet und wussten, dass uns keine Havarie den Erfolg nehmen konnte. Die Anerkennung erfolgte in Form von Geldprämien, die zu 50% nach Hause geschickt werden konnten.
Das Triebwerk kam dann zur weiteren „Verwendung" unter die Fittiche irgendeines „Glawne-Konstruktors", der den Gegenlaufpropeller durch einen Propeller ersetzte und das geschweißte Gehäuse änderte. So erkannte ich dann an der Antonow 10, die wir später in Ägypten umbauten, das Triebwerk kaum wieder.
Gleich anschließend an diesen Staatslauf erhielten wir den Auftrag, ein Triebwerk mit 12000 PC zu bauen.
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Nun wurden wir gezwungen, unsere letzte große Aufgabe, die 12000-PS-Type, „K" genannt, in kürzester Zeit bis zur Detailreife zu bringen.
In dieser Zeit begann die seelische Belastung ständig anzusteigen,. Statt nach Hause entlassen zu werden, bekamen wir den Auftrag, das größte Triebwerk der Welt zu bauen. Noch einmal gelang es mir mit Unterstützung meiner alten Mitarbeiter aus Dessau, die allgemeine Müdigkeit zu überwinden und in 3 Monaten härtester Arbeit Auslegung und Konstruktion des 12000-PS-Triebwerkes zur Durchführung zu bringen.
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Bevor ich mit dem technischen Teil abschließe, möchte ich noch einmal auf die russischen Führungskräfte zu sprechen kommen, die uns von 1947 an begleitete. Der Mann, der die Verschleppung von Dessau nach Uprawlentscheski durchführte, Oberst Olechnowitsch,war kein Fachmann, aber er war ein Offizier mit überdurchschnittlichem technischem Verständnis. Ich kam gut mit ihm aus, wenngleich auch seine skrupel- und manierlose Art unsere Herren häufig schockte. So spuckte er während einer Sitzung in den Papierkorb oder klaubte seinem Nachbarn, dem mächtigen und gefürchteten Leiter des Betriebes, die Wanzen vom Revers.
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Diese Führungsschicht wurde 1949 überraschend abgelöst, nachdem Olechnovitsch im berauschten Zustand ein Kind überfahren und getötet hatte. Er selbst überlebte den Wechsel nicht lange.
Zu meiner größten Freude kam der „Glwane-Konstruktor" von Tschernikow, Nikolai Dimitrowitsch Kusnezow, als neuer Werkeiter zu uns. Er begrüßte mich strahlend. Ich genoss von Anfang an sein Vertrauen, und seit dieser Zeit begannen der Zwang und die Unterdrückung, die von Seiten der früheren Führung auf das deutsche Kollektiv mehr oder weniger stark ausgeübt worden waren, einer vernünftigen –wenn auch konsequent harten - Behandlung unserer Arbeits- und Lebensbedingungen zu weichen. Auch wurden die Lebensmittelverhältnisse besser. Man hatte Preissenkungen durchgeführt und der allgemeine Lebensstandard –auch unserer Arbeiter und vor allen der unserer kinderreichen Familien – war angestiegen. Während ich in der Ära Olechnovitsch wenig ausrichten konnte, um das Unrecht im Wohnen, in der Einstufung und in der Allgemeinbehandlung zu lindern, konnte ich bei Kusnezow mehr erreichen.
Die offizielle Führung kümmerte sich mit einem Stab von Idealisten um ein Sozialwerk, das nicht hoch genug gelobt werden kann. Es wurde eine Krankenversicherung eingerichtet, um unseren Kranken, die anfänglich beim Fernbleiben vom Arbeitsplatz keinen Lohn bekamen, den Ausfall zu vergüten. Auch hörte der Zwang, die russische Sprache zu erlernen, sofort auf, ebenso wie die Haftstrafen, wenn jemand zu spät zur Arbeit kam. Der neue Werksleiter Titow ersetzt einen für den Betrieb besonders unangenehmen Mann,der zusammen mit dem Leiter der Arbeitsvorbereitung eine Willkürherrschaft aufgerichtet hatte, gegen die wir alle nichts ausrichten konnten. Diese alte Garnitur hasste alles, was deutsch war.
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In der Hoffnung, uns durch eine erfolgreiche Arbeit die Freiheit zu erkaufen, schufen wir seit 1949 ein Arbeitsklima, das bis 1952 als gut zu bezeichnen war. Kusnezow war ein junger, fröhlicher Typ, außerordentlich klug und technisch gebildet und wurde von uns allen anerkannt. Geschulter Dialektiker, konnte er auch über Dinge reden, von denen er wenig verstand. Ich persönlich lernte in dieser Zeit viel, vor allem in der Art, umfassende Planung zu machen.
So wurde ich zum Beispiel noch unter Olechnovitsch zu Beginn der Arbeiten an den Propellerturbinen gefragt, wie viele Triebwerke wir bis zum Staatslauf verbrauchen würden. Ich antwortet: „20 bis 25". Olechnovitsch setzte die Zahl mit 12 fest und erklärte mir, dass ich bei Überschreitung dieser Zahl vor ein Kriegsgericht käme. Wir brauchten 18 Stück, aber niemand sprach von Anklage. Solche Gespräche kamen jetzt nie wieder vor. Gerade beim Entwurf der Type K mit 12000 PS waren wir Deutschen der Meinung, man sollte aus Sicherheits- und Termingründen mit der Eintrittszahl nicht über 0,8 gehen. Die Russen aber wollten die ersten beiden Stufen als Überschallstufen ausführen. So kam es zu Parallelkonstruktionen, bei denen sich die Russen aber kalte Füße holten.
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Anfang 1953 kam das Triebwerk auf den Prüfstand und erbrachte ohne weitere Schwierigkeiten die geforderte Leistung. Im Verlaufe dieser Reifemachungsarbeit ließ der Eifer und die Arbeitsfreude rapid nach. Es waren nämlich weitere Transporte in die Heimat zurück geschickt worden. Sie umfassten aber nur Leute, die bei den neuen Entwicklungsarbeiten am Rande des Geschehens mitwirkten. Von den ehemals 800 Spezialisten waren noch ungefähr 200 mit ihren Familien dageblieben.
1952 begann ich, meine Briefe an Otto Grotewohl und Minister Chrunitschew zu schreiben. Ich bat sie, uns die Heimkehr zu ermöglichen. Die Briefe wurden zwar bestätigt, aber nicht beantwortet. Immer größere Enttäuschung ergriff langsam das Kollektiv. Als aber Kusnezow erklärte, unsere Auffassung, dass man uns für 1952 die Heimkehr versprochen habe, sei ein Irrtum, da war der Teufel los. Ich hatte herausbekommen, dass er uns noch brauchte. Er war sehr ehrgeizig und wollte wahrscheinlich mit unserer Hilfe den Stalinpreis bekommen, fühlte sich aber mit seinen Leuten allein noch nicht sicher genug. So kam es dann ja zur sogenannten letzten Arbeit, dem 12000-PS-Triebwerk.
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Das gesellschaftliche Leben des Kollektivs verteilte sich in all den Jahren auf verschiedene Gruppen, die sich nach sozialen, künstlerischen oder religiösen Momenten fanden. Die Krankenbehandlung erfolgte in der sogenannten Polyklinik und war kostenlos. Schwierige Operationen wurden in Kuibyschew durchgeführt. Die Angst vor Epidemien veranlasste die Russen zu allgemeinen Impfaktionen, die wenig beliebt waren.
Für die Beerdigung unserer Toten hatten wir uns im Laufe der Jahre einen eigenen Friedhof geschaffen, der mit Stanzabfällen eingefriedet worden war und dessen Gräber alle gleichmäßig mit Steinplatten ausgelegt wurden. Eichenkreuze, alle gleich, trugen die Namen der Toten. Wir hatten Männern, Frauen, darunter auch Großmütter, und Kinder unter unseren 54 Toten. Fünf Mitglieder unseres Kollektivs endeten durch Selbstmord; eine Frau mit 3 Kindern erhängte sich aus religiösem Notstand, ein Mann stürzte sich vom obersten Stockwerk der „Sawod" aus Heimweh in die Tiefe.
Unsere Begräbnisse waren Ereignisse, die die einheimische russische Bevölkerung auf die Beine brachte. Eine lange, dunkel gekleidete Reihe folgte dem Sarg, der von unseremn Leuten getragen wurde. Mit einem Bebet und manchmal mit einer Rede senkten wir die Toten in die Erde.
Am 5. März starb Stalin. Mit Bangen sah ich der nächsten Zeit entgegen. Es war echte Volkstrauer, die wir erlebten, oder besser zu erleben glaubten.
So kam der Sommer 1953 heran, als plötzlich über Nacht ein neuer Transport angekündigt wurde. Etwa 100 Ingenieure mit ihren Familien kamen fort, keiner wusste, ob nach Hause oder woanders hin. Nach Wochen wurde bekannt, dass ein Teil von ihnen über Ostaschkow auf eine Insel im Seligersee und durch Männer von Peenemünde und Zeiß besetzt, gebracht worden waren.
Es war Sonntag, ich hatte den ganzen freien Tag vor mir. Um 9 Uhr vormittags kam Herr Pohl zu mir und bat mich, sofort mit ihm ins Werk zu kommen, wo Kusnezow schon warte. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Im Konferenzsaal war alles versammelt, was es an Natschalniks im Werk gab. Bleich und betroffen teilte mir Kusnezow mit, dass wir nach Sawjolowo, 100 km nördlich von Moskau, verlagert würden, dass aber die Frauen mit den Kindern in einem Sondertransport bereits nach Hause könnten.
Da war es wieder, jenes Prinzip, den „Häftling" bis zur letzten Minute in optimistischer Unklarheit zu lassen, um ihn dann mit einer plötzlichen Entscheidung, so KO zu schlagen, dass man leichtes Spiel mit ihm hatte.
Die Erregung im Kollektiv war ungeheuer. Die Erfüllung eines jahrelang von mir geforderten Wunsches, die Frauen und Kinder nach Hause zu lassen, wurde hintergründig ausgelegt. Vielfach bekam ich Vorwürfe. Ich sei schuld, dass man die Familien trennte. Dabei stand jedem frei, seine Familie mitzunehmen oder nach Hause zu schicken.